Montag, 20. Dezember 2010

Atmen

Nichts ist schöner, reiner, aufrichtiger als die durch viele Prüfungen gegangene und aus dem Äther wieder herausdestillierte Lebensfreude eines Depressiven, eines Lebensmüden;
nichts erscheint edler als das Küssen der Wunden, der Narben, das Streicheln und Liebkosen der Abgründe, die nicht einmal die Zeit hat heilen können;
nichts ist wärmer als die ersten Sonnenstrahlen nach einem ewigen, dunklen Winter.

Nur, wer verloren war, kennt seinen Weg genauer als jeder andere;
Nur, wer verloren hat, hält fest an jedem Vogelsang;

Nur, wer am Abgrund stand, kann voller Ehrfurcht dessen Tiefen meiden;
Nur, wer ertrunken ist, ist dankbar für jeden Atemzug.

Nur, wer gelitten hat
Nur, wer den Schmerz kennt
Nur, wer liebt und geliebt wird, kann gesunden. Leben. Atmen.


(c) Claudia, 2010

1 Kommentar:

  1. ein sehr schöner Text! Und sehr wahr!
    Eine der Zeilen Goethes, für die er zurecht geehrt ist, kam mir als Echo dazu in den Sinn:

    "Nur, wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide!"

    ---
    und nun zu einem geschmacklosen Themenwechsel, denn was mir auch noch dazu einfiel:

    Ohne Liebe ist der Atem nur das Ticken einer Uhr...
    Aber ohne Atem ist Liebe nur Nekrophilie :-)

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