Samstag, 24. Dezember 2011

Glaubensbekenntnis

von Rainer Maria Rilke

Ihr lippenfrommen Christen
nennt mich den Atheisten
und flieht aus meiner Näh’,
weil ich nicht wie ihr alle
betöret in die Falle
des Christentumes geh.

Ich weiß es, eure Lehren,
die wissen zu bekehren,
die machen fromm und – dumm.
Denn nur damit ihr sündigt,
hat man euch einst verkündigt
das Evangelium.

Und eure Priester sorgen,
daß heute oder morgen
euch nicht mehr Klarheit wird.
Wacht mit Gesetz und Strafe
doch über seine Schafe
der ‚unfehlbare’ Hirt.

O! heil’ger weiser Vater,
der du des Herrn Berater
auf dieser Erde bist,
Du bist der erste Sünder –
verzeih, ich sags gelinder:
du bist der erste Christ.

Und deine Lämmer lehren:
Die Dreiheit sollt ihr ehren
jetzt und in Ewigkeit.
(Füllt nur den Opferkasten, -
dann seid ihr von den Lasten
der Schulden bald befreit.)

Die Schafe folgen alle,
sobald mit lautem Schalle
die Kirchenglocke hallt; -
sie fühlen sich entschädigt,
wenn nur der Pfaff die Predigt
verschlafen niederlallt.

Der spricht von Tod und Ende,...
sie falten ihre Hände
und weinen sich halb blind.
Dann murmeln sie ein: Amen,
und gehn... – in Gottes Namen, -
wie glücklich sie doch sind! -

Sie sind ja doch gereinigt
und werden nie gepeinigt
von Fegefeuerglut.
Christ ist für sie gestorben,
hat ihnen Heil erworben
durch sein geheiligt Blut.

Er lehrte sie dies Leben
und alles – hinzugeben
wie er, - der Menschensohn.
Einst würd’ in andern Welten
Gott Vater es vergelten
mit seinem höchsten Lohn!...

„Du wirst dann untergehen“,
ruft ihr „nicht auferstehen,
wenn die Posaune gellt!“
„Habt Dank, - ich bleibe liegen,
ich lasse mir’s genügen
an dieser einen Welt. –

Ich glaub an eine Lehre,
von der man sagt, sie wäre
auf Erden selbst sich Lohn.
Die Lehre, die ich übe,
die Lehre heißt die Liebe,
sie ist mir Religion.“

Montag, 31. Oktober 2011

Arrrrrggghhh!-Update

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.

Die im Folgenden erwähnten Fundstücke, Artikel und Sachverhalte sind zu zahlreich und zu "klein", um ihnen je einen eigenen Blogeintrag zu widmen, aber zu unglaublich, um verschwiegen zu werden. Also werde ich ab jetzt die Rubrik des Arrrrrggghhh!-Update einführen, um solchen Dingen zu zweifelhaftem Ruhm zu verhelfen. Diese netten Meldungen liefen mir in den vergangenen Tagen und Wochen über den Weg…:

Energiebretter, Chakren-Harmonizer und die heilige Geometrie

Ja, ich weiß. Es klingt, als habe ich mir das ausgedacht. Aber wenn man diese Seite hier durchforstet, findet man allerlei esoterische Unglaublichkeiten, die wirklich satirereif sind. Man kann sich zum Beispiel ein Obstbrett für schlappe 189 Euro zulegen, das mit den eingebauten „Orgonstrahlern“ (ein paar ins Brett geklopfte Schrauben) dafür sorgt, daß die Lebensmittel harmonisiert werden und Lebensmittelunverträglichkeiten nach einer halben Stunde öbstlichen Brettaufenthalts verschwinden. Wem das nicht reicht, der kann sich von Eckhard Weber, der zwar nicht für die wissenschaftliche Meßbarkeit der von ihm postulierten Effekte gerade steht (s. Disclaimer), aber immerhin Bücher über Kornkreise geschrieben hat, einen Chakren-Harmonizer bestellen und dafür den wirklich geringen Unkostenbeitrag von hundert Euronen entrichten. Diesen Auszug aus der Homepage lasse ich unkommentiert stehen:

Weber gelang die Entwicklung von Bioresonanz-Produkten, die mittels Wasserverwirbelung und Wasserbelebung in der Lage sind, die Wasserstruktur zu verändern und die Qualität von normalem Trinkwasser aus Leitungen auf Quellwasserniveau zu heben. Die hyperbolische Form der Wasser-Aktivatoren kann das Wasser vitalisieren und energetisieren und führt ihm so feinstoffliche Lebensenergie in Form von Biophotonen zu, die das Wasser beleben können. Auf Basis der „Heiligen Geometrie“ hat Weber ferner universell einsetzbare Bioresonanz-Geräte entwickelt.


Der Papst mit Doppelfail

Kein Aufregerei-Post ohne den Papst! Ja, es ist zwar schon ein bißchen her, aber im Jahr 2007 kam der Papst tatsächlich auf die grandiose Idee, sich für einen Papst-Kalender ablichten zu lassen. Ist auch verständlich. Wer möchte nicht 12 verschiedene Bilder eines in schauerlichen Kaftan gehüllten, gruseligen Imperator-Look-Alikes in seinem Wohnzimmer haben, das einen bei jedem Blick an die eigenen Sünden erinnert?
Noch besser allerdings ist Fundstück #2 – und es zeugt einmal mehr von der völligen Realitätsflucht dieses Menschen (okay, das ist sein Job..). Wir wissen ja alle, daß Abtreibungen böse sind und mit sofortiger Exkommunizierung enden. Wer abtreibt, ist von der Sünde verfolgt und landet in der Hölle. Von dieser Sünde erlösen können nur sehr, sehr wenige, ausgewählte Priester die armen Frauen (wenn überhaupt). Aber der Papst ist ja nicht so: er hat entschieden von Gott geflüstert gekriegt, daß in der Zeit seines Madrid-Besuchs sechs Tage lang alle madrilenischen Priester „solchen“ Frauen die Sünde der Abtreibung verzeihen können. Aber nur sechs Tage lang – und nur in Madrid!
Ekelhafterweise soll es deswegen Pilgerströme der Geplagten in die Stadt gegeben haben…

Der 2012-Wahnsinn

Auch in dieser Kategorie sollte es bis zum 21.12.2012 immer reichlich zu berichten geben. Mir ist es immernoch ein Rätsel, wie diese hanebüchenen Spinnereien ihren Weg ins Licht der Öffentlichkeit gemacht haben – aber erstaunlich viele Menschen wissen um die Weltuntergangs-„Theorien“ und einige haben große Angst davor. Wir fassen zusammen: am besagten Tag wird die Welt untergehen, weil die Planeten linear aufgereiht sind und es zu gravitativen Katastrophen kommt, weil spontan ein Magnetsprung stattfindet, weil die Sonnenaktivität die Erde in die Knie zwingt, Erdbeben und Supervulkanausbrüche lostritt, weil der „Synchronisationsstrahl“ aus dem „Zentrum der Milchstraße“ unser Bewußtsein verändern wird, weil Planet X/Nibiru/ein brauner Zwerg kommt und die Erde zerstört/mit den Besatzer-Aliens die Erde einnehmen/Menschen entführen/unser Bewußtsein transformieren will. Also, Tod, Zerstörung, Bewußtseinssprünge, Übermenschen… alles dabei, was eine gute Weltuntergangstheorie braucht. Und alles Bullshit!
Immer mehr Medien allerdings nehmen diesen Müll ungefragt in ihr Programm auf und sorgen für Angst unter den Menschen. So lief unlängst auf dem Discovery Channel eine 50-minütige Sondersendung mit Weltuntergangsszenarien, Quote-Mining und anderem Quatsch, die den ein oder anderen leichtgläubigen und uninformierten Menschen durchaus in Angst und Schrecken versetzen könnte.
Und mein Highlight: dieser Artikel einer angeblich preisgekrönten Journalistin, die nicht nur nicht formulieren kann, sondern auch einen deutschlandweit bekannten Eso-Pseudo-Wissenschaftler als Experten hinstellt, seine Ansichten unkritisch übernimmt und die Leser auf den „bevorstehenden Wandel“ einschwört. Arrrrrrggggghhhh!
Abhilfe schaffen kann man vor allem hier. Hier und hier habe ich auch noch etwas dazu geschrieben.


Unkategorisierbarer Wahnsinn

Diese Seite (klick) ist mein absolutes Highlight der Woche. Wer sich durch die 19 Vorseiten geklickt hat, kann sich den Wahnsinn in seiner buntesten Blüte betrachten: ein Spendengeldern nicht abgeneigter Irrer behauptet, der irdische Dolmetscher eines blonden Engels zu sein, der uns vor den Echsen aus der Hölle schützen möchte. Diese nämlich haben Chips in unsere Hirne eingebaut (oder haben vor, eben das zu tun), um uns zu kontrollieren. Aber keine Sorge – wir können uns retten; wir müßen nur alle ganz lieb zueinander sein…

Weiter geht’s: ein wenig in dieselbe Kategorie fällt dieses Prachtstück, das von einem ziemlich verrückten Weltuntergangs-Freak stammen muß. Der Komet Elenin wurde von einigen Apokalyptikern als Vorbote von 2012 betrachtet und sollte, deren Ansicht nach und von der NASA vertuscht, in Kürze auf der Erde Tod und Schrecken verbreiten (wegen der Gravitation, Sie wissen schon…). Leider hat Elenin sein Perihel nicht überlebt und ist jetzt ein Haufen Kometenstaub, was uns aber nicht davon abhalten sollte, die Website ein wenig zu inspizieren. Denn der Autor teilt uns mit, daß er von „positiven Aliens“ entführt wurde und dieses schöne Erlebnis nie vergessen wird! Außerdem wird er nicht müde, sein „Elenin-O-Meter“ steigen und fallen zu lassen und so entweder „Wir werden alle sterben!“ oder „Äh, Moment…“ in die Weiten des WWW zu brüllen. Wer Lust und Zeit hat, sich dieses traurige Schauspiel a.k.a. die öffentlich zelebrierte Psychose eines armen, vom Eso-Müll endgültig zu Fall gebrachten Menschleins anzusehen… sollte es trotzdem sein lassen. Es ist verstörend.

Letztes Fundstück für heute: eine HAARP-Website. Natürlich steht in Berlin ein großes Gebilde, das die Hirnströme der Anwohner manipuliert. Jeder weiß das. Ich lasse den Link mal einfach so stehen, denn ich kann nicht  mehr viel dazu sagen (das vielleicht noch: in Foren diesbezüglich finden sich verstörte Paniker zusammen, um gemeinsam Bunker zu bauen!). Ein aberwitzig angebrauntes Freako-Abenteuer allererster Güte. Man kann förmlich spüren, wie bei jeder gelesenen Zeile eine Handvoll Neuronen zum Abschied leise „Servus“ sagt (oder „Also dann!“ – „Bisse weg?“ – „Joa!“).

________

Das soll es dann für heute gewesen sein. Die üblichen Meldungen und Alltäglichkeiten wie die Tatsache, daß der Libyer seinen Diktator durch ein verrücktes Buch ersetzt oder in Österreich mal wieder ein Kind an den Folgen der Homöopathieliebe seiner Eltern gestorben ist, sind bestimmt auch so schon zum geneigten Leser durchgedrungen...
"In diesem Sinne" - wünsche ich eine schöne Woche in dieser an Wahnsinn nicht armen Welt...

Montag, 24. Oktober 2011

Shairon und die Gworms - UND ein Religionswettbewerb!

"Ich möchte eine Religion gründen. Dort liegt das Geld." 
- L. Ron Hubbard an Lloyd Eshbach, 1949

Der gute Mann, Gründer der Sekte „Scientology“, hatte Recht! Und er setzte sein Vorhaben erfolgreich in die Tat um, wie wir alle anhand schmerzlicher Gegenwartsphänomene wie Tom Cruise erfahren mußten. Als ich heute morgen folgendes Bild erspähte, dachte ich mir, daß ich diesen hilfreichen Tipp nur zu gerne selbst in die Tat umsetzen würde. Wer will daraus keine Religion basteln?

Einige aufgebrachte Gworms in der vormenschlichen Welt.
Richtig. Da kann man nicht widerstehen. Deswegen werde ich es auch nicht tun. Wir würzen diese Religion mit allem, was dazugehört: Angst, Belohnung, Sanktion, Jenseits, Gebote, Sünde, imaginären, in ihrer Existenz unbelegbaren Wesen und dem hanebüchenen Ausnutzen gegenwärtigen Wissenslücken sowie dem Auffüllen selbiger mit Mumpitz (wobei das auch auf wissenschaftlich belegte und anerkannte Tatsachen übertragen werden kann und zur Leugnung selbiger führt).
Fangen wir an!

Das Elementarste daran: unser höheres Wesen. Da wir in allen „erfolgreichen“ Religionen einen Patriarchen an oberster Stelle haben, wollen wir von diesem Konzept nicht abrücken. Wir wählen einen bärtigen, dicken Herrscher namens Shairon. Shairon lebt im Inneren der Sonne – und niemand kann das Gegenteil beweisen! Seine Liebe und Macht strahlt die Wärme und das Licht ab, das bei uns ankommt. Er ist schwer und kräftig und deswegen für die vermeintlich gravitativen Effekte der Sonne verantwortlich. Shairons Propheten sind die Gworms. Das sind die netten Freunde auf dem Bild oben. Bevor die Menschheit erschaffen wurde (vor ca. 10.000 Jahren) lebten sie auf Erden und bereiteten diese für die Ankunft des Menschengeschlechts vor. Sie sind die Handlanger Shairons und wenn dieser ob der Missetaten der Menschen zu wütend wird, sendet er sie wieder aus in Richtung Erde. 1912 kam in Sibirien ein Warnschuss an, doch der Mensch gehorchte weiterhin schlechter und so ist zu befürchten, daß die Gworms innerhalb der nächsten Jahre wieder auftauchen, uns alle zu richten. Mit ihren Laseraugen und ihren Engelsschwingen, die den Ungläubigen mit einem Schlag das Genick brechen…

Nun gut, was will Shairon denn nun eigentlich? Er möchte, daß die Menschen nach seinem Vorbild leben. Sie sollen an ihn glauben, lieben und stark sein (ein Körperfettanteil von über 18% ist nicht tolerabel, weshalb die USA als erstes von den Gworms heimgesucht werden). Außerdem verbietet er den Genuss fleischloser Kost. Tofu ist eine Todsünde und wer davon ißt, muß in den Folgejahren (meist ca. 2-80) sterben. Außerdem wird, wie in allen Religionen, die menschliche Sexualität als Sünde deklariert. Das hat sich in den vergangenen Jahrhunderten als sehr hilfreich erwiesen und bietet eine unerschöpfliche Möglichkeit, Gläubige zu erpressen (denn ihren Trieben folgen werden sie sowieso, aber nur Shairon bietet Erlösung von der Sünde). Shairon hatte eine Reihe irdischer Vertreter, z.B. Arnold Schwarzenegger oder Hulk Hogan, die aber aufgrund ihrer mangelnden intellektuellen Fähigkeiten raus sind. Zum Glück jedoch gibt es mich, und ich verwalte Shairons irdisches Bankkonto (ich muß diesen Verein schließlich irgendwie verwalten).
Für das Einhalten seiner Verhaltensregeln bietet Shairon ewiges Leben im Inneren der Erde (und wer einen entsprechenden Betrag gespendet hat, tritt sogar ein in sein Sonnenreich); leider ist, wie bei allen Religionen, noch niemand zurückgekommen, von eben jenem zu künden. Da hilft nur blinder Glaube, und das ist, was wir nun alle brauchen. Auch an Verbrüderungsgesten wie Chorgesängen, die jeden Tag um 13:49h abgehalten werden müßen, darf es nicht fehlen. Ein Liederbuch kann muß gegen einen geringen Unkostenbeitrag erstanden werden.

Also: die Sonne existiert nicht, sie ist nur die blendende Behausung eines fleischliebenden Gottes, der Terror und Verderben auf die Erde schicken wird, wenn ihre Bewohner weiter so fett, lieblos, sexaffin und zahlungsunfreudig bleiben. Das wird bald sein. Zudem ist die Teilnahme an diversen Lehrveranstaltungen (gegen einen geringen Unkostenbeitrag) Voraussetzung, um Zugriff zum heiligen Buch, der Shairia, zu erhalten – und nur dieses enthält die wahren Weisheiten des Lebens.

Ein paar Worte zur Schöpfungsgeschichte: Natürlich existiert Shairon schon immer in seiner kleinen Energieblase, aber vor ca. 12.000 Jahren entschied er sich, Raum und Zeit zu erschaffen und in seiner Reichweite einen Planeten des Lebens zu formen. Die Gworms, damals noch lieb und nicht eifersüchtig auf ihre Ziehkinder, die Menschen, bereiteten 2.000 Jahre lang die Erde vor und staffierten den Nachthimmel aus mit allerlei Bildern und Illusionen, die der Mensch heute „das Weltall“ nennt. Alle Versuche, es zu ergründen, etwa mit Teleskopen und Satelliten, werden von den Gworms manipuliert und erwecken so den Anschein, „da draußen“ gebe es etwas. Das macht Astrophysik völlig überflüssig: das Ende aller Gedanken ist Shairon. Better get used to it!
Nachdem das Erdenreich also geschaffen war, erschuf Shairon den Menschen aus einem ordentlichen Stück T-Bone-Steak. Unschönerweise begann der Mensch, Fragen zu stellen und blasphemisch den Kosmos ergründen zu wollen, anstatt sich einfach an der allgegenwärtigen Energie zu erfreuen. Das verärgerte die in Demut geübten Gworms und ließ sie den Menschen als undankbares Pack ansehen – was in absehbarer Zeit zu einer Art Endschlacht führen wird, die nur durch blinden Gehorsam und das Eingrenzen der Wissbegierde hinausgezögert werden kann. Auch ekeln sich die Gworms vor menschlichem Sex. Jeder, der es treibt, läßt also die tödliche Schlacht ein wenig näher rücken. Absolution hiervon kann nur erfahren, wer ein von mir beglaubigtes Dokument zur Erlösung erstanden hat. Dann wartet aber auch Glückseligkeit deluxe! Wer diesem Rat allerdings nicht folgt, trägt mehr zur negativen Energie auf Erden bei, die durch schlechte Schwingungen im Befinden der Gworms verursacht wird und für Phänomene wie Migräne, Bluthochdruck und Streitereien verantwortlich ist (und für Reizdarm und Glaukom).

Wir halten also fest: es gibt wenig, und das, was es gibt, unterliegt einem strengen Gott und seinen zornigen Boten, denen wir durch Enthaltsamkeit, Demut und Großzügigkeit dienen und sie besänftigen können.

________

Ich habe hierfür etwa 10 Minuten gebraucht und stelle mir folgende Fragen:
1)      Sind die Schöpfungsgeschichten, Gestalten und Gebote anderer Religionen irgendwie irrsinniger als diese hier? Ich denke nicht.
2)      Wieso werden die also geglaubt? Gäbe es Menschen, die bereit wären, dieser Geschichte hier zu Glauben zu schenken? Ich denke schon. Und das ist beängstigend.
3)      Ist es nicht erstaunlich zu sehen, mit wie wenig Aufwand und den immer gleichen, mühelos durchschaubaren Mustern man eine Menschenmasse in Schach halten kann? Die Zutaten sind die gleichen, ob für Shaironismus, Christentum, Islam, Judentum  oder andere. Jenseits, Gebote, Sünde, Absolution, Wissenschaftsfeindlichkeit (und ggf. bescheuerte Essensvorschriften), Erklärung des Unerklärlichen durch Mythen, Einfordern von Demut und blindem Gehorsam, nicht falsifizierbare (und nicht verifizierbare) Herrschergestalten und Versprechen…
Ich fürchte fast, daß L. Ron Hubbard, wenn er meine Geschichte statt der seinen, viel bescheuerteren, öffentlich gemacht hätte, ebenso viele Anhänger hätte sammeln können. Und wer nicht glaubt, daß seine Geschichte noch viel hirnloser ist als meine, mal eben zusammengesponnene, möge hier nachlesen: Klick.

Ich würde so gerne einmal austesten, wie viel vom Leben enttäuschte Esoterik-Schwurbler sich eine auf diese Weise ernsthaft vorgetragene Theorie anhören und sie glauben würden. Ich glaube, es wären viele.

Und weil es so viel Spaß macht, fordere ich diejenigen, die das hier lesen, auf, gern ihre eigene Religion zu kreieren. Wir können dann austesten, welche besser ankommt. Seid kreativ! Und laßt es mich lesen!

Donnerstag, 13. Oktober 2011

Es wird Herbst

Meinem Herbstgesandten gewidmet...

Sieh, Jupiter und Vollmond blüh'n
Und treiben durch ihr Wolkenmeer.
Die Bäume lassen letztes Grün.
Der Wind singt sanft, der Herbst grüßt schwer.

Das Jahr, es neigt sich, nun zu sterben -
Wie oft fühlt' ich mich mit ihm gehen!
Welch Pein flammt' auf in alten Kerben!
Wohin wird mich der Herbstwind wehen?

Ach, ankerlos auf rauer See
Trieb ich, und auf Winters Gaben
Wartend. Auf den stummen Schnee
Mit dem Jahr mich zu begraben.

Doch hinterm Horizont, ein Stern!
Er kann mich wärmen, wird mich leiten
Und mich, weilt er auch noch so fern,
Im finst'ren Tale noch begleiten.

Halt mich, Heiler, Herbstgesandter!
Sei die Stille, sei mein Licht.
Dann mag er tosen, altbekannter
Herbststurm. Fortwehen kann er mich nicht.

(c) Claudia, 2011



Mittwoch, 21. September 2011

Der gute alte Pontifex

Hach ja. Pontifex maximus – der Papst als Brückenbauer. Was für eine naive Utopie. Der Mann, dessen Posten als selbsternannter Vertreter eines schizoid anmutenden Phantasiefreundes (ob nun missgünstig, zornig, homophob, willkürlich grausam oder liebend, vergebend und seinen Sohn opfernd) meiner Meinung nach abgeschafft gehört, ist vermutlich das genaue Gegenteil eines Pontifex. Er zerschlägt sie, die Brücken. Durch Verbreitung seiner Dogmen schafft er Hass und Abscheu. Beispiele?
Treue Anhänger seiner Lehre hassen Schwule und Lesben. Sie halten deren sexuelle Orientierung für eine große „Verirrung“ (s. Frontal 21, ZDF, 20.11.2011), die der „Heilung“ bedarf.
Sie verabscheuen Frauen, die aufgrund schlimmer Umstände einen Embryo abtreiben, sei es Krankheit, Bedrohung des eigenen Lebens oder eine Vergewaltigung.
Durch seine Ablehnung von Kontrazeptiva säht der gute Ratzepoop Krankheit und Elend (s. HIV-Infektionen in Entwicklungsländern).
Auch ist keine öffentliche Entschuldigung für die Missbrauchsopfer katholischer Priester bei des Papstes Deutschlandbesuch geplant.
Wo baut dieser alte Mann bitteschön Brücken?

Leider wird diesem treuen Verfechter irrwitziger Vorstellungen (fertig gebackenes Brot rauscht vom Himmel; die Menschheit entsteht in einem Schlangengarten aus einem Kerl und seinem apfelhungrigen Rippenabkömmling; eine Frau, die niemals Sex hatte, gebiert Gottes Sohn, nur damit dieser sterben kann; ein alter Mann teilt das Meer mit ein paar Wullu-wullu-Sprüchen und verschließt es rechtzeitig vor den nachrückenden Verfolgern wieder; Brot und Wein werden zu Jesu Leichenteilen;… nichts, was sich nicht mit Wahnvorstellungen bzw. Geisteskrankheit oder reger Phantasie erklären ließe), der diese zur „historischen Realität“ erhebt, im Jahre 2011, nach gehabter Aufklärung, immernoch nicht nur Platz geboten im „säkularen“ Deutschland – nein: er wird gefeiert, seine Ankunft wird zelebriert, man schreit „wir sind Papst“ und rollt ihm einen Teppich nach dem anderen aus. Er predigt im Fernsehen, er predigt in Fußballstadien, er trifft bedeutende Politiker. Er wird nicht, wie es sein sollte, bemitleidet, ausgelacht, inhaftiert und in die Klapsmühle gesperrt. Auch die Klage, die gegen ihn eingereicht wurde, wird sicherlich mit keinem Wort erwähnt.
Dieser irre, bösartige Heuchler, der das Kunststück vollbringt, ein stockschwuler Schwulenhasser zu sein, darf in einem aufgeklärten Staat vor dem Bundestag sprechen!


Möglich wird das, weil man ihn zum Staatsoberhaupt deklariert. Wir sollten jeden kirchlich legitimierten Kleinstaatmonarchen vor den Bundestag einladen. Politisch wird er wenig zu sagen haben – wer hat nicht schon im 21. Jahrhundert auf eine ordentliche Bundestagspredigt gewartet?! Wie kann man einen Mann, der die Gleichstellung von Mann und Frau sowie die sexuelle Selbstbestimmung vehement verneint und aktiv Kinderschänder vor der Überstellung an die Justiz schützte, vor dem Parlament eines die Menschenrechte achtenden Staates sprechen lassen?
Einem Monarchen mit moralischem Alleinherrschaftsanspruch, der den Evangelischen den Status einer Kirche abspricht, die Muslime und Juden beleidigt, sich mit der Piusbruderschaft auf guten Fuß stellt und dessen Vertreter den mit Boykott drohenden Bundestagsabgeordneten attestiert, sie festigten das Bild des „hässlichen Deutschen“ – dem muß auch noch der Staubzucker in den Hintern geblasen werden, indem man die leeren Bundestagssitze mit Dummies auffüllt. Ich frage mich langsam, wo wir leben.

Lustig wird auch folgendes: der Papst trifft auf seiner Reise ausschließlich Menschen, die er moralisch verurteilen muß.
Christian Wulff, unser Bundespräsident, ist geschieden und hat wieder geheiratet. Laut katholischem Kirchenrecht ist er damit exkommuniziert.
Die bei der Bundestagsrede Anwesenden CSU-Parteihohen Hasselfeldt und Seehofer sind in der gleichen Situation.
Klaus Wowereit, den er in Berlin treffen wird, ist schwul.
Guido Westerwelle, Vizekanzler und im Bundestag: schwul.
Kanzlerin Angela Merkel ist geschieden und wieder verheiratet. Und evangelisch.
Bundestagspräsident Lammert und Anette Schavan richteten jüngst ein zölibatkritisches Schreiben an den Vatikan. Oh, oh…
Ob darauf angesprochen wird? Sitzen die armen Sünder dann mit hochrotem Kopf in ihren Stühlen? Oder ist diese Veranstaltung, wie alles andere an diesem teuren, pompösen und grotesk aufgebauschten Tamtam namens „Papstbesuch“, ein heuchlerischer Haufen Verdauungsendprodukt?

Traurige Welt. Trauriges Deutschland.

Montag, 5. September 2011

Drei mal Rilke; drei mal Stille...

... und ihm gewidmet.

Die Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
aus Deinem Haar vergeßnen Sonnenschein.
Schau, ich will nichts, als Deine Hände halten
und still und gut und voller Frieden sein.

Da wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
den Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
An ihren morgenroten Molen sterben
die ersten Wellen der Unendlichkeit.

***

Ob auch die Stunden uns wieder entfernen:
wir sind immer beisammen im Traum
wie unter einem aufblühenden Baum.
Wir werden die Worte, die laut sind, verlernen
und von uns reden wie Sterne von Sternen, -
alle lauten Worte verlernen:
wie unter einem aufblühenden Baum.

***

Bist Du so müd? Ich will Dich leise leiten
aus diesem Lärm, der längst auch mich verdroß.
Wir werden wund im Zwange dieser Zeiten.
Schau, hinterm Wald, in dem wir schauernd schreiten,
harrt schon der Abend wie ein helles Schloß.

Komm Du mit mir. Es solls kein Morgen wissen,
und Deiner Schönheit lauscht kein Licht im Haus ...
Dein Duft geht wie ein Frühling durch die Kissen:
Der Tag hat alle Träume mir zerrissen, -
Du, winde wieder einen Kranz daraus.

Rainer Maria Rilke



Samstag, 13. August 2011

Erlöse uns von den Bösen...

Dieses Jahr werden es genau zehn Jahre sein, die seit dem Anschlag auf das New Yorker World Trade Center vergangen sind. Zum Gedenken daran wird seit Jahren das 9/11-Memorial errichtet, das dieses Jahr teilweise und nächstes Jahr komplett eröffnet werden soll.
Nun gibt es da ein Problem; es gibt Bedenken, die ich teile: ein Teil dieses Bauwerks wird ein riesiges christliches Kreuz sein (bzw. ist es schon; zwei Balken des zertrümmerten WTC ergaben ein "perfectly shaped cross" - das kann ja nur Gottes Werk sein!). Und nur das. Keine Symbole anderer Glaubensgemeinschaften, denen zweifellos zahllose Bürger New Yorks und der USA angehören. Keine Symbole nichtreligiöser Gruppierungen, die in den Vereinigten Staaten viele Anhänger zählen. Aber das ist nicht der einzige Punkt: die Opfer, derer gedacht werden soll (sowie ihre Angehörigen) - sie waren (und sind) zu ca. 50% keine Christen.
Zu dieser Erkenntnis kommen die "American Atheists", die am 26. Juli 2011 Klage gegen dieses Vorhaben einreichten. Wie in der Klageschrift zu lesen ist, führen sie die Verletzung der amerikanischen Verfassung und diverser Gesetze und Beschlüsse an. In einem anderen Blog wird zusammengefaßt:
According to the lawsuit, among the 2,792 people killed in the twin towers, 31 were Muslim Americans, approximately 400 to 500 were Jewish Americans, approximately 500 were non-religious Americans, and an unknown number were Americans of other faiths. (So, about half of the people who died were not Christian.)
Ganz abgesehen von dieser Rechnung finde ich das Symbol einer monotheistischen Religion, die durch ihren Alleinherrschaftsanspruch derjenigen, die für diesen Terroranschlag verantwortlich ist, in nichts nachsteht und mehr noch - in solchen Vorkommnissen eine Strafe Gottes sieht oder ihre durch Verlust verheerten Anhänger mit der Theorie von dessen ungergründlichem Willen auf groteske Art und Weise zu trösten versucht, dort wirklich fehl am Platze... ich kann diesem Vorhaben also nur zustimmen.

Tja, damit stünde ich in den USA aber wohl allein auf weiter Flur. Selbstverständlich gab es einige Berichterstattungen und Diskussionen darüber im US-Fernsehen. Der Punkt, zu dem ich aber eigentlich kommen möchte, ist folgender: Nachdem Blair Scott, der Sprecher der American Atheists, bei den Fox News war, rief deren Facebook-Seite zur Diskussion auf, die von unerfreulichen Kommentaren Nächstenliebe praktizierender Christen gespickt war. Hier sind meine Highlights:


Herrn Michael Perri finde ich besonders amüsant, weil er in seinem offensichtlich von Hass nicht ungezeichneten Beitrag die Atheisten des unbändigen Hasses bezichtigt. Ich muß mich allerdings schon fragen, ob es im Laufe der Geschichte mehr Zerstörung durch liebesinduzierte Religionskriege oder durch die allseits bekannten großen Atheistenkriege gegeben hat...

Kandidat Nr. 2:


Dieser nette Mann hier möchte, daß alle Atheisten ans Kreuz gehängt werden und qualvoll verenden, um dasselbe durchlitten zu haben wie ihr eingebildeter Zimmermannsfreund. Das Schlimme daran ist, daß fast 20 Leute sich hier genötigt fühlen, den "Like"-Button zu bedienen.

Für mich am schlimmsten war allerdings dieser Beitrag:


Dieses so nett aussehende Mädchen, das auf ihrer FB-Seite inzwischen mit einem friedlichen Gospelchor abgebildet ist, wünscht ihren nichtgläubischen Geschlechtsgenossinnen das wohl Schlimmste, was einer Frau passieren kann: sie wünscht Ihnen, vergewaltigt zu werden. Dieses Überwinden jeder Schamgrenzen, das komplette Fallenlassen von Empathie und Nächstenliebe zeigt auf grauenvolle Weise, wie weit die Anhänger dieser Religion gehen können, wie weit sie von Moral abrücken können, von den Grundprinzipien ihres Glaubens, wenn sie ihn angegriffen sehen. So solide kann der moralische Unterbau vieler Christen wohl nicht sein, und auch, wenn viele Christen solche Aussagen nicht unterstützen würden: die anti-atheistische und gewaltverherrlichende Kommentarflut beweist, daß beleibe nicht alle Jesus-Fans alle anderen liebhaben.

Glaube ist nicht verantwortlich für Moral - er abstrahiert Leid vom moralischem Empfinden anhand eines absurden Verhaltenskodex, den zu halten immer gefährlicher wird. Und es darf einem Sorge bereiten, daß in einem Land, das vor technischem Fortschritt strotzt und mehrere hundert Millionen Einwohner zählt, der christliche Fundamentalismus mit einem 50%igen Kreationistenanteil auf dem Vormarsch ist.
Bleibt abzuwarten, wie das weitergehen soll...

Dienstag, 12. Juli 2011

Dürfen Religiöse Autos lenken?

ACHTUNG! Ich bin umgezogen! Dieses Blog wird nicht mehr lange existieren; alle Einträge und sämtliche folgenden findet der geneigte Leser hier: Cloudpharming.

Äußerst erheiternd fand ich einen Artikel im österreichischen Standard.
Darin ist zu lesen, daß ein junger Mann namens Niko Alm endlich seine religiöse Kopfbedeckung auf dem Führerscheinfoto tragen darf.

Aber der gute Mann ist kein Jude, Moslem oder Christ - er ist Pastafarianer. Dementsprechend ausgefallen ist auch seine Kopfbedeckung: er trägt ein Nudelsieb. Beim Pastafarianismus handelt es sich um eine vom Physiker Bobby Henderson ins Leben gerufene Religion(sparodie), deren zentrale Glaubensinhalte die folgenden sind:
- die Welt wurde vom fliegenden Spaghettimonster erschaffen, welches selbstverständlich nicht nachweisbar ist
- es müßen Pirateninsignien getragen werden; die Lebensmaxime lautet "What would a pirate do?" . Immerhin ist die sinkende Anzahl von Piraten Ursache für globale Erwärmung und Co.
- Im Himmel warten Biervulkane und Stripper auf die Gläubigen
- und wer noch mehr wissen will, konsultiere Wikipedia.

Der gute Mann kam also auf die Idee, den Antrag auf seinen Führerschein mit religiös inspiriertem Lichtbild zu stellen, da das in Österreich rechtens ist. Das Unglaubliche daran kommt allerdings erst noch: nach dreijährigem Warten wurde ihm das zunächst verboten, und als er insistierte, bekam er eine Vorladung zum Amtsarzt, um zu prüfen, ob er "psychisch befähigt sei, ein Auto zu lenken"!

Aufgrund seiner mit der religiösen Überzeugung einhergehenden Kopfbedeckung wird also in Frage gestellt, ob der Mann geistig gesund genug ist, um zu fahren. Eigentlich eine gute Sache - würde es mit all den anderen Religiösen, welche ein Kopfbedeckungsfoto fordern, ebenso gemacht.
Wieso ist folgendes nicht denkbar:
"Ich möchte auf meinem Führerscheinphoto ein Kopftuch tragen."
- "Wieso?"
"Es ist meine religiöse Überzeugung, daß ein Wesen, dessen Existenz ich nicht belegen kann, erst seine Schriften, dann seine Engel, dann seine Propheten auf die Erde geschickt hat, um uns zu sagen, daß wir uns an seine Regeln halten müßen, um nicht im Höllenfeuer zu landen. Dazu gehört nunmal, daß ich ein Kopftuch trage, da ich sonst jeden Mann in meinem Umfeld sexuell errege; niederes Wesen, das ich bin! Mein Lieblingsprophet hat übrigens eine Neunjährige gevögelt; er ist uns allen Vorbild!"
- "Jemand rufe dieser Frau einen Arzt! Sie muß auf geistige Gesundheit überprüft werden! So kann sie kein Auto lenken!"
Was ist am Glauben an ein fliegendes Spaghettimonster irrsinniger als am Glauben, dass ein kosmischer jüdischer Zombie, der sein eigener Vater war, einen unsterblich machen kann, wenn man symbolisch sein Fleisch isst und ihm telepathisch mitteilt, dass man ihn als seinen Herrn und Meister akzeptiert, damit er eine böse Kraft von der Seele nehme, die auf jedem Menschen lastet, seit eine Frau, ihrerseits aus einer Rippe geschaffen, von einer sprechenden Schlange dazu überredet wurde, die Früchte eines magischen Baumes zu essen?
Genau: nichts.

Ich kann nicht glauben, daß hier unterschieden wird zwischen einem mehr (Flying Spaghetti Monster) und einigen angeblich weniger (Gott/Allah/...) verrückten Phantasiefreunden. Der Evidenzgrad für alle ist gleich hoch (nämlich null) und dementsprechend groß ist auch die Rechtfertigung dafür, auf einem amtlichen Dokument ein dem imaginären Freund Demut zollendes Stück Stoff (oder Sieb) zu tragen...

Letztendlich haben die guten Österreicher das außergewöhnliche Führerscheinbild doch zugelassen. Es ist wohl alles besser als Laizität...


Dienstag, 5. Juli 2011

Endlich die große Liebe finden

Wer hätte nicht schon davon geträumt? Für Muslime ist das jetzt endlich möglich. Auf der Website muslima.com können sich islamische Männer nach Belieben ihre "International Muslim Matrimonials" heraussuchen. Erst dachte ich an einen unglaublich schlechten Scherz, als ich diese Anzeige sah:


Und als mir auf der Homepage dann auch eine Kopftuchdame entgegenlächelte, war es um mich geschehen. Das kann doch nicht wahr sein! Ich konnte nicht widerstehen. Ich mußte mich dort anmelden, um zu sehen, was da abgeht. Und es ist schlimmer, als ich vermutet hatte... Nachdem ich also Grundangaben über mich ausgefüllt hatte, wurden mir zuerst mal meine "Matches" präsentiert. Es sei angemerkt, daß ich mich als 24jährig ausgegeben habe - und meine "Idealpartner" altersmäßig erheblich davon abweichen: der mit Abstand Jüngste ist 30, es geht aber hoch bis 50. Was sind das nur für Kriterien?
Selbstverständlich sind auch sehr viel mehr Männer angemeldet als Frauen. Hier ist mein persönlicher Favorit aus der "Matches"-Liste, 49 und aus Kuwait:


Schön auch die Fragen, die mir gleich zu Beginn gestellt werden: Bin ich eine Muslima, bin ich eine konvertierte Muslima oder plane ich zu konvertieren? Welcher Glaubensrichtung innerhalb des Islam gehöre ich an? Wie oft lese ich den Koran am Tag? Was sind meine Essgewohnheiten? An welchen Wochentage nehme ich an "Religious services" teil? Was ist meine Haarfarbe und -länge? Selbstverständlich gibt es hier die Option "I'd prefer not to say", welche sehr viele der Mädchen dort auch wählen...
Die Kriterien für die Partnerwahl sind genauso gut. Welche Art von "Facial Hair" will ich bei einem Mann? Short, medium oder long beard? Oder Goatee? Soll er ein geborener Moslem sein? (Viele Mädchen bestehen darauf: Konvertiten dürfen nicht sein!) Wie oft soll er beten? Welchen Abschluß soll er haben? Wie alt darf sein ältestes Kind sein? Welcher religiösen Gruppierung darf er angehören?

Und dann durfte ich Bilder durchsehen. Natürlich fand ich genau das, was ich erwartet hatte - auch wenn ich gehofft hatte, daß Poe's Law nicht derart gnadenlos zuschlägt. Damit schließe ich auch diesen Beitrag. Gruselig!


Nachtrag: nachdem ich nur einen halben Tag angemeldet war (freilich ohne Photo), wurde ich mehrmals kontaktiert. Drei Männer waren "interested", von einem bekam ich eine Nachricht mit etwa diesem Inhalt: "Salam ich interssiere für sie wenn sie auch interrisierd bitte melden sie sich." Außerdem entdeckte ich beim Abmelden ein Drei-Schritte-Programm für Verlobte: Visa beantragen; Überlegen, wo man lebt; seine Rechte bezgl. häuslicher Gewalt kennen. Arme Welt...

Montag, 4. Juli 2011

An image burning in their minds

Die guten alten Type 0 Negative haben, wenngleich vermutlich eher unfreiwillig, hervorragend beschrieben, was die Vorstellung eines allmächtigen Gottes mit dem Denkwerk gläubiger Menschen anstellt: sie brennt. Sie ver-brennt Vernunft und das Hinterfragen, sie brennt die Menschlichkeit und das leidkorrelierte Moralempfinden aus den Köpfen, sie schmerzt, sie richtet großen Schaden an – sie geißelt. Und das alles nur wegen eines „image“: eines Bildes. Einer reinen Vorstellung.
Obwohl die Zahl der gläubigen Christen, z.B. in Deutschland, abzunehmen scheint, ist noch lange kein Grund gegeben, Sanftmut der Kirche gegenüber walten zu lassen oder gemäßigtes Verhalten ihr gegenüber zu fordern. Denn nur, weil eine Institution mit bösen Aktionen und Worten weniger Menschen erreicht, werden die Worte und Dinge nicht weniger böse.
Wenn es wenigstens so wäre! Denn die Kirche ist leider nicht allein auf Deutschland beschränkt, und Religion nicht allein auf die christliche Kirche.
Mehr denn je muß, in einem Zeitalter, in dem die Aufklärung endlich so weit fortgeschritten sein könnte, daß der Religion in einigen Teilen der Welt ein Ende zu setzen wäre, gegen sie gekämpft werden. Denn mit dem technischen Fortschritt wird auch die (u.U. katastrophale) Reichweite religiöser Führer und Fanatiker größer.
Und dennoch wimmelt es von Appeasement und Pseudo-Diplomatie. Eines von vielen Beispielen, um das zu beobachten, sind endlose Diskussionen auf den Scienceblogs Deutschland. 

Über Atheismus, Begrifflichkeiten und Appeasement-Gesten

Ein Aufschrei fährt durch die deutsche Wissenschafts-Blogosphäre:
„Ist Antitheisten jedes Mittel recht?“
„Die weniger Radikalen werden dumm angegangen, weil ihre Meinung nicht brutal genug ist!“
Da ist es, das böse Wort: der Antitheist. Eine an sich überflüssige Klassifizierung, wenn man damit den Menschen meint, der Atheist ist und sich gegen die Notwendigkeit der Religion ausspricht. Laut Wikipedia ist es ein Mensch, der von der Abwesenheit Gottes überzeugt ist. In diese Gruppe dürften nicht viele Menschen fallen. Wenn jemand nicht an Gott glaubt, dann meist, weil er keinen Grund hat, an ihn zu glauben. Die Bringschuld an Evidenz, die bei den Gläubigen liegt, ist nicht erfüllt worden, obwohl sie mehrere Jahrtausende Zeit dafür hatten. Nicht sehr überzeugend! Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen nicht glauben.
Menschen, die sich als „Atheisten“ bezeichnen, sind meist das, was Richard Dawkins als „Stufe 6-Atheisten“ beschreibt. Diese sind zu 99, x Prozent davon überzeugt, daß es keinen Gott gibt, leben und handeln danach. Man kann hierfür getrost das Wort „Atheist“ verwenden, auch wenn es sich, technisch gesehen, um eine Form des Agnostizismus handelt.
Evidenzloses Überzeugtsein, daß es keinen Gott geben kann, zu 100%, entspräche genau dem Dogmatismus, mit dem man bei der gläubigen Gegenseite gut aufgehoben wäre. Die Kategorie Mensch, die nicht glaubt, neigt aber zu genau diesem Dogmatismus meist nicht. Ergo ist die Chance, einen wahrhaft definitionsgemäßen Antitheisten zu finden, sehr klein. Ich bin für eine andere Bezeichnung: ein konsequenter Atheist. Jemand, der jeden „Leap of faith“ vermeidet, seine Überzeugungen mit Evidenz abzusichern gedenkt und die Folgen daraus auch lebt.
Das sähe dann im Idealfall so aus – und ich positioniere mich hier bewußt radikal und provokant - : ich erkenne, daß es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott geben kann. Ich erkenne die Folgen für mein Leben. Ich erkenne die Folgen für das Leben der Menschen in meinem Umfeld und auf der Welt. Ich erkenne, daß diese ihre Tätigkeiten und sogar ihr Denken einem imaginären Wesen unterordnen. Ich erkenne, daß es Obrigkeiten gibt, die das instrumentalisieren. Ich erkenne das daraus resultierende Elend. Ich erkenne, daß in den letzten Jahrtausenden keine Anstrengung zur tatsächlichen Ausrottung dieser Unterwerfung unter Gedankenkontrolle und Lebensfeindlichkeit geführt hat. Ich erkenne die Notwendigkeit, selbst zu handeln und mir zu überlegen, was man tun könnte. Ich empöre mich, ich kläre auf, ich werde laut.

Es ist offensichtlich, daß es an jeder Stelle dieser Abfolge den Punkt gibt, an dem man mit Gleichgültigkeit oder Beschwichtigungsgesten reagieren kann. Beides ist aber inkonsequent.

Handelt es sich beim Appeasement, beim „Gesteht den Leuten ihre Überzeugungen zu, nicht alle Religiösen sind schlecht, ihr seid viel zu brutal, der Atheismus muß durch wissenschaftliche Aufklärung verbreitet werden und nicht durch Wutreden, die sind doch alle garnicht so schlimm!“, um ein Augenverschließen, da deren Öffnen Verantwortung bedeuten würde? Konfliktscheu? Emotionale Gebundenheit an andere, an Vergangenes?
Ich kann es nicht sagen, aber ich lehne es ab.
Es sind nicht alle Gläubigen schlecht, aber Glaube muß Privatsache bleiben. Niemals darf man andere mit derlei Dingen „infizieren“.
Brutal ist nicht die Argumentationsweise, sondern das, was tagtäglich da draußen im Namen der Religion geschieht.
Atheismus wird in sachlichem, aber auch in scharfem Ton vorgetragen und darf keinen Zweifel daran lassen, daß man überzeugt ist von dieser Sache. Ich zum Beispiel bin auch überzeugt, daß Wissenschaft allein niemals den „Umbruch“ schaffen wird; dazu ist der Wille, auch gegen jede Evidenz zu glauben, viel zu groß und das zeigt sich hervorragend in der amerikanischen Kreationismusdebatte.

Sehen wir den Tatsachen doch einmal ins Gesicht: Appeasement hat noch niemandem etwas gebracht außer der Vermeidung von Konflikten. Menschen werden im Namen der Religion weiter gefoltert, unterdrückt und getötet. Wer konsequent sein will, muß das Problem an der Wurzel anpacken. Er muß scharf argumentieren und auch die albernen und ungerechtfertigten Sonderrechte, welche der Religion und Religiösen zukommen, in Frage stellen.


Über die Notwendigkeit, sich zu empören und aufzuklären

60% der Menschen in Deutschland sind Kirchenmitglieder, ein hoher Prozentsatz derer ist gläubig. An sich ist es im Privaten nichts verwerfliches, an einen Gott zu glauben. Ich freue mich für jeden, der daraus Hoffnung schöpfen kann. Aber leider ist es nicht nur die Hoffnung, die aus der Religion erwächst.
Kinder werden missbraucht. In Deutschland. Aus Gründen, welche die Religion mit sich gebracht hat.
Kinder werden verstümmelt. In Deutschland. Aus religiösen Gründen.
Frauen werden unterdrückt. In Deutschland. Aus religiösen Gründen.
Menschen werden getötet. In Deutschland. Aus religiösen Gründen.
Das sind erstmal nur wenig subtilen Dinge, die im Namen aller in Deutschland vorhandenen Religionsgruppen geschehen.
Auf einer anderen Ebene werden Kinder indoktriniert, ihnen wird die Fähigkeit zum Skeptizismus geraubt, sie werden instrumentalisiert. Zahlreiche andere psychologische Effekte spielen auch eine Rolle.
Und das ist nur die Situation im aufgeklärten Deutschland.

Lassen wir unseren Blick über das gesamte Erdenrund schweifen. Hier finden sich so viele Belege für die Aussage, daß Moral, für „normal“ denkende Menschen eine Zusammenfassung von Abwägungen über Glück und Leid, für die Religiösen eben genau das nicht ist: mit Leid und Glück korreliert.
Wenn eine Frau abtreiben muß, weil die Geburt sie das Leben kosten könnte oder das Kind nicht nur ihr Leben ruinieren, sondern auch selbst keine Zukunft haben würde, ist die „Tötung des Ungeborenen“ eine Sünde, ein Mord, für den sie bestraft werden muß. In Deutschland glücklicherweise nicht mehr, aber die Welt besteht nicht nur aus Deutschland. Wo wird hier das Leid der Frau in der Wertung „moralisch richtig oder falsch“ berücksichtigt?
Wenn zwei Menschen in Entwicklungsländern Sex haben, ist es "moralisch richtig", kein Kondom dabei zu benutzen, da dies von kirchlicher Seite vorgeschrieben ist. Wo wird hier das Leid der HIV-Infizierten in der Wertung „moralisch richtig oder falsch“ berücksichtigt?
Das einzige, was berücksichtigt wird und Moral definiert, ist Gottes Wille.
Und Gott existiert nicht.
Diese Menschen leiden und sterben umsonst.

In religionsinduzierten Kriegen wie in Nordirland, dem Gaza-Streifen, im Kosovo, oder den vergangenen großen Kriegen wie dem Dreißigjährigen und den Kreuzzügen müßen immer wieder Unschuldige wegen der Machtbesessenheit böser alter Männer sterben; aber auch wegen der eigenen Indoktrination, ihrer irrationalen Belohnungsüberzeugungen.
In afrikanischen Ländern werden die Genitalien von Frauen auf unvorstellbar schmerzliche Art und Weise von deren eigenen Müttern verstümmelt. So sehr entmenschlicht die Religion uns.
Dort sterben aufgrund des päpstlichen Kondomverbots auch (von Missionaren) miserabel aufgeklärte Menschen an AIDS. Und Generationen von Päpsten hören nicht auf, diese unheilvolle Botschaft mithilfe ihres großen Einflusses zu verbreiten.
Vergewaltigte Frauen werden wegen Untreue gesteinigt, Kindern lernen, im Namen ihres Gottes zu töten, Menschen sprengen sich in die Luft oder bringen sich aufgrund religiöser Schuldgefühle um.
Alles im Namen der Religion. Wie kann man hier noch mit Appeasement-Gesten aufwarten wollen?

Auch hier haben wir wieder „nur“ die augenscheinlich grausame Ebene. Aber es gibt noch viel mehr. Wenn beispielsweise ein Geistlicher sagt, Naturkatastrophen seien Gottes Strafe für unsere Sünden, so ist das eine ungeheure Anmaßung den Opfern und deren Angehörigen gegenüber, ein schmerzlicher Schlag ins Gesicht.
Wenn Gottes Wege als unergründlich dargestellt werden, weil trotz seiner allumfassenden Güte und Macht ein kleines Mädchen missbraucht und getötet wird oder ein Familienvater bei einem Autounfall von einem Betrunkenen angefahren wird und stirbt: Hier mit der Dreistigkeit aufzuwarten, das als „gut“ und „gottgewollt“ hinzustellen, ist geradezu obszön!
All diese Obszönität gipfelt übrigens in Dingen wie der „Speisung der Fünftausend“, die dieses Jahr sogar ins Motto des „Weltgebetstags“ einfloss. In dieser Geschichte ernährt Gott 5000 Mann von zwei Fischen und fünf Broten (s. Matthäus 14:9).
Aha, denkt sich der vernünftig denkende Mensch, wieso ernährt er nicht die tausenden und abertausenden Hungernden auf der Welt ebenso wundersam und läßt sie stattdessen elendig sterben? Männer, Frauen, Kinder? Weil es sein unergründlicher Wille ist?
Wer so etwas bereit ist zu glauben, muß entweder verblendet von Paradiesversprechen sein, oder naiv und irrational, oder so verquer in seinem moralischen Empfinden, muß so bar eines jeden moralischen Kompaßes handeln und denken, daß ich ihm lieber nicht begegnen möchte! Es ist schauderhaft, zu sehen, was die Religion mit unseren Gehirnen anstellen kann.

Ein weiteres Argument, das gerne angeführt wird, ist die Tatsache, daß die Religion ja wohl irgendwie entstanden sei und auch schon Nutzen gebracht habe: moralisch, kulturell, … und überhaupt.
Die Antwort hierauf muß lauten: Nein! Das ist völlig verdreht.
Es gibt viele Theorien zu den Wurzeln der Religion, und neben den psychologischen Effekten und der damit möglichen Instrumentalisierung haben auch evolutive Faktoren dazu beigetragen; mehr dazu hier. Sie ist vielmehr als lästiges Nebenprodukt zu bezeichnen, von welchem man sich endlich, endlich lossagen muß.
Daß die Idee, eine Moral von dem Willen einer imaginären Gottheit anstatt von Leid und Freude abhängig zu machen, absurd, grotesk und mitunter sogar bösartig ist, haben wir schon besprochen.
Bleiben noch die kulturellen Errungenschaften: bildende Kunst und geistliche Musik, gottesfürchtige Schriften: all das wäre ohne Religion nie entstanden. Was für eine anmaßende und in keiner Weise dem künsterlischen Potenzial unserer Spezies entsprechende Spekulation! Wieso hätten solche Dinge nicht auch säkulär erschaffen werden können? Es gibt genug nicht-gläubige Künstler, die das in ihren Werken beweisen, und ausreichend vom Gotteskontext gänzlich abstrahierte Machwerke vergangener Zeiten, die ihre Brillanz aus Genius und Kreativität der Künstler beziehen, und nicht aus deren Kriecherei vor einem Fabelwesen.

Selbst wenn all diese Boni der Religion zuzuschreiben wären, wiegten sie noch lange nicht all das Schreckliche auf, was in ihrem Namen geschieht. Religion muß abgeschafft werden. Es dürfen nicht länger böse Menschen (wobei viele von ihnen es vielleicht gar nicht sind, aber blind gehorchen – was die Sache nicht besser macht) Aktionen, Worte, sogar Gedanken dirigieren lassen. Wie vielen Konflikten, wie vielen Greueltaten würde der Wind aus den Segeln genommen; wie viel Elend und Verzweiflung wären ihrer Grundlage beraubt… ist es das nicht wert, mit aller Macht zu kämpfen?

Wir haben nicht viele „Waffen“, aber unsere Worte haben wir. Und die können wir dosieren: mal scharf, mal sanft, aber es muß immer den Punkt treffen. Es muß etwas gesagt werden. Es muß aufgeklärt und nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Auch wenn es unbequem ist: Sapere aude!

Dienstag, 28. Juni 2011

Erlösung

Weil es zu wichtig ist, um nicht laut gesagt zu werden,
weil es zu schön ist, um verschwiegen zu werden:
Zwei Gedichte, die dem Menschen gewidmet sind, den ich liebe.
Weil er mir alles ist.

I - Ich trage Narben:

Wie sie, fast wie Wolken, den Himmel beschweren!
Doch daß es ein "fast" ist - ich spüre es oft:
Da sie nicht dem Wand'rer die Blicke verwehren
Auf unschuldig Blaues, das auf Wiedergang hofft.

Denn das Blau dort ist, müde und zäh, fast verschwunden
Und wenn kalter Atem aus Vergangenem weht
schwellen sie an, die gewesenen Wunden
Und es regnet auf mich, die im Wehe noch steht.

Der Schmerz: er verging. Es sind Male geblieben
Und manchmal die Einsamkeit im Regen.
Und es geht: durch die Narben hindurchzulieben
Um am Ende ein wenig vom Blau freizulegen.

Suchst Du Erlösung? Hast Du sie gefunden?
Nur in geword'ner Heimat, in vertrauter Hand
Kann weichen, was einst graugebunden.
     Und plötzlich ziert, was einst entstellt:
     Du bist meine Heimat, Du bist diese Welt
In der ich den Himmel, - Erlösung! gar fand.




II - Ein Lächeln lang

Gewiss bist Du das Schönste, was mir je begegnet.
Nie kreuzte solche Anmut meinen Weg, die
Sich erhob aus schon geword’nem Geiste -
Der dennoch aus dem Staub nach Gänze strebt.

Daß dieser Stimme Klang mich nicht mehr ließe
Und aus dem kusserfüllten, treuen Mund
Auf ewig mir in Ohr und Seele fließe:
Das macht’ dies’ wunde Herz gesund.

Müßt ich, um  diese Hände zu erblicken
Und ihre Wärme, gleich der Deiner Wort’, zu spüren,
Um Deine Augen, die wie reines Gold Dich schmücken
Die schlimmste Schlacht, die ärgsten Kriege führen:

Könnt ich, um Deine Schwere aufzurühren,
Zum Lächeln treiben alle Saiten, die da ruh’n
     (Und Du wärst glücklich, nur ein Lächeln lang)
     Die ganze Welt umwälzen, bis an den Niedergang:
Ich zögerte nicht – für Dich würd ich’s tun.

(c) Claudia, 2011


Samstag, 14. Mai 2011

Vier kleine Vorschläge

Was könnte man tun, um der immer größeren Resonanz, die „alternative Heilmethoden“ erfahren, entgegenzutreten? Ich möchte hier ausdrücklich erwähnen, daß ich damit nicht die sog. „Alternativmedizin“ meine, die mit empirisch überprüften und belegten Daten aus randomisierten Doppelblindstudien arbeitet – Prof. Edzard Ernst ist hierfür ein hervorragendes Beispiel. Des weiteren muß erwähnt werden, daß es – wie hier und hier angerissen – keineswegs harmlos ist, sich auf Homöopathie, Akupunktur & Co. einzulassen, wie so gerne behauptet wird. Denn wenn sie keine Wirkung haben, haben sie ja auch keine Nebenwirkungen! Das ist zwar korrekt, aber dennoch bergen diese Maßnahmen viele Unnanehmlichkeiten: Therapieverschleppung, horrende Kosten für nichts, ein haarsträubendes Verständnis von der Funktionsweise des menschlichen Körpers, und so weiter. Und der ganze Spaß wird jetzt ja auch noch teilweise von den Krankenkassen übernommen, das heißt: jeder bezahlt mit für den Wahnsinn und die Täuschung, daß die „sanfte ‚Medizin‘“ irgendwie über die Placebowirkung und diejenige von zeitintensiver persönlicher Zuwendung hinausgeht. Natürlich ist es traurig, daß der durchschnittliche Hausarzt noch 10 Minuten für seinen Patienten aufbringen kann und der Naturheilkundler sich ewig Zeit nehmen kann für die Kranken (Akupunktursitzungen fangen bei 20 Minuten an) – aber die Lösung kann nicht sein, Patienten länger, dann aber mit nichts zu therapieren. Da man an diesem Zustand aber nicht so ohne weiteres große Änderungen vornehmen kann, hier meine vier kleinen Vorschläge, um der Ausbreitung der schamanistischen „Globulisierung“ Einhalt zu gebieten.
  •  Homöopathie, Akupunktur & Co. erst ab 18 Jahren!
Wer sich gerne nutzlos therapieren lassen will, kann das „gerne“ tun und mit seiner verschleppten Krankheit und den Spätfolgen die Krankenkassen belasten… oder auch nicht; jedenfalls sollte er sich darauf beschränken, seinem eigenen Körper zu schaden – und nicht dem seines Kindes! Wie hier schon gezeigt, gibt es tatsächlich Eltern, die ernsten Krankheiten ihrer Kinder mit nutzlosen und vermeintlich sanften Therapien begegnen möchten. Das ist nichts anderes als unterlassene Hilfeleistung und kann, durch effektives Nichtstun und Abwarten, die Krankheit des Kindes drastisch verschlimmern. Ich halte es deswegen für wichtig, diese Therapien nur für Erwachsene, die es selbst ausdrücklich wünschen, freizugeben, damit sie nur sich selbst schaden und niemand anderem.
  • Homöopathie, Akupunktur & Co. nur mit ärztlichem Beratungsgespräch
Es ist schlimm genug, daß jeder zweite Arzt mittlerweile völlig unwissenschaftliche Methoden anbietet und unter jedem zweiten Namensschild „Naturheilkunde“ steht, weil die Patienten darauf anspringen und ihrer Vulnerabilität und Notsituation mit teuren Placebos statt mit guter Aufklärung und wissenschaftlich wirksamen Mitteln entgegengetreten wird. Es ist auch schlimm genug, daß studierte und approbierte Ärzte, die wissen, daß solcherlei Dinge nicht wirken können, diese allen Ernstes und eifrig verschreiben. Dann muß man aber nicht auch noch den Patienten weismachen, daß das Chi durch Meridiane fließt und Informationen im Wassergedächtnis potenziert werden, obwohl man sehr genau weiß, daß der menschliche Körper nicht so funktioniert. Ich bin dafür, daß Ärzte, wenn sie schon für Homöopathie, Akupunktur, Bio-Magnetresonanztherapie und dergleichen mehr Geld nehmen, davor ein ausführliches Beratungsgespräch führen müßen, in welchem erklärt wird, daß diese Mittel keinen irgendwie wissenschaftlich erwiesenen Nutzen haben und auch keine physiologisch erklärbare Wirkungsweise. Daß ihre Wirkung auf dem Placeboeffekt beruht, daß hier viel Geld für  absolut nichts ausgegeben wird und daß die Gefahr einer Therapieverschleppung besteht, weil die Krankheit nicht medizinisch wirksam therapiert wird. Ein Beratungsgespräch, das darauf hinweist, daß hier etwas potenziell Gefährliches und Gesundheitsschädliches getan wird.
  • Homöopathie, Akupunktur & Co. im Studium: Know your enemy!
Als ich las, daß dieser Schmu mittlerweile Bestandteil des Medizinstudiums ist (zumindest ein wählbarer), stellte sich mir, nach anfänglicher fassungsloser Starre und zehnminütiger Embryonalstellung, nur eine Frage: wenn dort die Prüfungsfrage gestellt wird, wie Homöopathie funktioniert und ob Wasser ein Informationsgedächtnis hat – wird die Antwort als „richtig“ gewertet, die mit den schamanistischen Überzeugungen übereinstimmt, also „ja“? Das wäre ja skandalös, wenn das an einer Universität, die mit der wissenschaftlichen Methode arbeitet, passierte. „Feenkunde: Nennen Sie die Erscheinungsform, in welcher die Fee Fiona dem König Drosselbart 1576 erschien! – Sie war feinstofflich-nanoisiert!“ müßte demnach auch an einer Universität geprüft und gelehrt werden können. Daß die oben skizzierte und z.B. von Prof. Ernst vertretene Alternativmedizin gelehrt wird, selbst wenn man die Wirkungsweisen nicht versteht, aber die Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen ist, wäre hingegen vollkommen in Ordnung. Und wenn man dann den jungen Medizinstudenten, die während ihres ganzen Studiums ohnehin nie wissenschaftlich arbeiten, noch beibringt, daß Homöopathie und Konsorten nichts bringen, warum sie nichts bringen können und daß dieser Sachverhalt wiederum nachgewiesen ist, dann könnte dies die Vulnerabilität der Ärzte für einen solchen Unsinn deutlich senken. Und damit auch die der Patienten. Getreu dem Motto „Know your enemy“ bekäme dann jeder Arzt das entsprechende Werkzeug an die Hand, gefährlichen Scharlatanen wie Heilpraktikern entgegenzutreten, ihre Methoden zu entlarven und seine Patienten vor teuren und nicht ganz harmlosen Mittelchen und Vorgehensweisen zu schützen.
  • Populärwissenschaftliche Näherung und Aufklärung
Daß ein besserer Wissenschaftsjournalismus Not tut, habe ich hier schon kurz angerissen, und hier findet sich ein sehr schöner Artikel aus den Scienceblogs zu dem ganzen Thema. Wüßten die „Otto Normalverbraucher“ ein wenig mehr von der Funktionsweise des menschlichen Körpers, wäre ihre Anfälligkeit für den ganzen Heilpraktiker-Krampf sicherlich sehr viel geringer.
Aber die Entwicklung ist eine ganz andere: immer mehr hilflosen und in gesundheitliche Nöte geratenen Menschen wird suggeriert, diese „sanften Heilverfahren“ wären sinnvoll und linderten ihre körperlichen Gebrechen. Enttäuscht von der wenig persönlichen und zeitarmen „Schulmedizin“ wird sich abgewandt und Hilfe bei verständnisvollen und unendlich geduldigen Alternativos gesucht. Das geht mitunter so weit, daß man Krebs mit Vitaminen heilen und Angsterkrankungen mit dem Abklopfen der Chakren entgegentreten will. Und niemand klärt solche Menschen auf, da sogar studierte Ärzte diesen Mumpitz euphorisch betreiben.
Auch die großen Medien machen Formate wie Hellseherei oder Dokus über Wunderheiler groß – wo bleibt da die Aufklärung? Ab und an flimmert ein guter und kritischer Beitrag über den Fernsehschirm – aber mitten in der Nacht und kaum gehört. Vielleicht sollten die forschenden Pharmaunternehmen Kampagnen lancieren, und auf jeden Fall sollten populärwissenschaftliche Medien wie Zeitschriften oder entsprechende Internetseiten mit gut verständlichen Inhalten zu solchen Themen aufwarten können. Entsprechende kritische Beiträge müßen nachmittags oder am frühen Abend gesendet werden, wenn das Hauptklientel vor dem Fernseher sitzt und sich berieseln läßt, auf Appeasement-Gesten muß verzichtet werden und harte Fakten müßen her, Gefahren aufgezeigt werden.
Kryptische, pseudonaturwissenschaftliche Begriffe (Information, Quanten, das Universum, ...) in den Raum werfen und sie vermeintlich wirksamen Methoden wie den o.g. zugrunde legen – so funktioniert dieser esoterische Wahn und so lassen sich Menschen ohne jedes naturwissenschaftliche Verständnis beeindrucken. Dem kann nur eine bessere naturwissenschaftliche Bildung entgegentreten, und auch daran muß gearbeitet werden. 

Um also diesem neuzeitlichen Übel gehörig einen Riegel vorzuschieben, gibt es noch viel, viel zu tun…

Mittwoch, 4. Mai 2011

Glaube, Liebe, Hoffnung?

Heute mal wieder mit ein bißchen Lyrik. Wer kennt nichtdas gleichnamige Stück von Ödön von Horváth bzw. die als christliche Grundtugenden vorgetragenen Prinzipien? Nach langem Überlegen dachte ich mir, daß das - zumindest für mich - deutlich säkularer klingen muß. Niemand muß sich im Nebel (semi)metaphysischer Verstrickungen verirren, um seinem Leben und seinem Empfinden Namen und Tiefe zu geben. Daher habe ich mich hingesetzt und meine eigene Tugendtrias zusammengeschustert, die für mich mit mehr Erfüllung aufwarten kann als Glaube/Liebe/Hoffnung:

Sehnsucht - Liebe - Heimat

I - Sehnsucht

Durch graue Himmel, graue Augen,
Trübe Herzen hoffen wir.
Was in uns zerrt und brennt soll leben
Durch faules Fleisch nach außen streben:
Endlos sei der Flamme Gier.

Liebe atmen, Asche werden;
Für den Aufruhr beten wir.
Reißt der Ängste Mauern nieder!
Seid Geschichte! Schreibt die Lieder
Die ihr sucht mit eurem Hier.

Nie zu stillen ist das Sehnen.
Darum leiden – leben wir.
Doch hab ich ihnen, Zeit um Zeit,
Jeden Atemzug geweiht:
Der Liebe, Sucht, der Flamme Gier.

II - Liebe

Es war ein Ahnen und ein Zittern
Ein scheuer Blick, ein ängstlich’ Wittern;
Es wurde Sehnen, wurde schwer:
Die Deckung und sich fallen lassen
Ein wohliges den Punkt Verpassen
An dem man noch zu retten wär'.

Vor Sturm, durch nur ein Wort gesät,
Der durch einst finst’re Weiten weht
Und singt von Güte, Glück und Schmerz.
Vor Bangen, das den Jahr’n geschuldet
Verlangen, das – endlich geduldet –
Sich schneid’t und gräbt durch Haut und Herz.

Es ist die Wärme dieser Hände
Des Wahnsinns Anfang und das Ende
Der Geister, die so laut geschrie’n.
Es wird ein Strahlen und ein Tosen.
Und einst will ich durch sein Liebkosen
Des Schnitters kalter Hand entflieh’n.

III - Heimat

Es war da das Wandeln, es war da das Treiben
Und rastlos umgab, einem Mantel gleich,
Ein Zittern mein Leben, an Sturmwogen reich.
Ich faßte die Schwere, und sie sollte bleiben.

Mit mahnendem Brandmal, verdammt zur Reise:
Ich trug’s auf mir her, die stolzen Augen kalt.
Und doch war’s sein Strahlen, das mich überwallt’ –
Das hoffende Mädchen, gefangen im Gleise.

Die Ferne zerrinnt im Griff seiner Hände
Ängste und Wehungen müßen sich winden:
Finden alsbald sie ihr stetiges Ende.

Kein Wiedergang dem rührigen Schinden!
Hier ruh’ ich: zu künden von glücklicher Wende
und - endlich! - Heimat in ihm zu finden.

(c) Claudia, 2011


Donnerstag, 21. April 2011

Die Anatomie einer Erkenntnis

Ich bin bekennende Atheistin.
Das war sicherlich aus meinen Blogeinträgen bisher herauszulesen. Aber das war nicht immer so. Bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahr war ich Katholikin und bin entsprechend gläubig aufgewachsen. Und jeder, der Kinder hat und sich überlegt, ob er sie christlich oder einfach nur gläubig aufziehen soll, dem sei nachfolgender Text ans Herz gelegt.

Das sei keine Anklage. Ich kann die primäre Motivation verstehen, Kindern die schützende Hand eines allgütigen Gottes aufzuzeigen und ihnen zu zeigen, daß sie dort Trost finden können, so tief sie auch fallen. Und aus genau diesem Grund lief auch meine Kindheit und frühe Jugend so. Nie mußte ich zur Beichte gehen, nie wurde ich mit einem strafenden Gott bedroht, nie mußte ich die Höllenfeuer fürchten – der Gott, der für mich in dieser Zeit erschaffen wurde, war Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, war Trost und ewiges Leben. Die schlimmsten Dinge, die man der Psyche eines Kindes also antun kann, fehlten. Und dennoch hat mir diese Zeit, so weit sie auch zurückliegt, den Grundstein für eine Schwere gelegt, die ich wohl nie ganz ablegen werde.

Was ich hier sagen möchte, hat auch damit zu tun, wann und wie ich vom Glauben abgefallen bin. Dazu muß ich anführen, daß ich getauft wurde, die Kommunion gefeiert habe, gefirmt worden bin und parallel dazu aber ein wachsendes Interesse an Naturwissenschaften wie der Astronomie, der Physik und der Biologie aufkeimte. Wenn man also nicht mit einem selbstbetrügerischen leap of faith aufwarten kann, ist der Punkt der donnernd aufeinandertreffenden und eventuell aneinander zerschellenden Weltbilder nur eine Frage der Zeit. So auch bei mir. Dieser Konflikt war unter der Oberfläche so weit gediehen, daß es nur eines einzigen Gesprächs bedurfte, ihn aufzudecken und klarzustellen, welches der beiden Weltbilder Schiffbruch erleiden würde. Entscheidend war aber bei mir nicht die Frage der mangelnden Evidenz, wie sie das bei vielen ist, sondern die Offensichtlichkeit, mit der sich das Konzept „Gott“ als Behelfskonstrukt für die menschliche Psyche enttarnt. Als ich sah, wie sich das Wesen Gottes immer hinter dem Horizont der beantworteten Fragen verstecken muß und damit von Tag zu Tag schrumpft, war mir klar, daß es nur eine Frage der Zeit war, bis sein Reich schließlich ganz zerfallen würde. Der universale Zuspruch, den Gott der unmetaphyischen Trostlosigkeit des Daseins einhaucht, ist nur mit viel Kraft und Liebe zu ersetzen, mit der nicht jeder aufwarten kann und will. Die instinktive Angst vor dem Tod wird umgangen, die Eitelkeit der Menschen, die durch das Nicht-Wissen und Nicht-beantworten-Können großer Fragen auftaucht, beruhigt, der Wunsch nach Führung gestillt. Und so diente Gott auch über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg als Machtinstrument, als moralischer Kompaß, als Legitimation der Herrscherklasse und der Unterdrückung – und als der Sinn, den wir uns selbst zu geben zu schwach waren. Dieses so augenscheinlich menschengemachte Konstrukt konnte ich, all die Unwahrscheinlichkeiten miteinberechnet, derer es bedürfte, ein solches Wesen im Weltenlauf zu verankern, beim besten Willen und gegen anfängliches, stärkstes Wehren nicht mehr anerkennen.


Was dann geschah, war zugleich das eigentliche Unheil und auch das Beste, was mir je hätte passieren können. Zunächst muß man aber als Außenstehender, als nie mit Glaube in Berührung Gekommener verstehen, welchen Verlust derjenige des Glaubens bedeuten kann. Denn wer damit aufgewachsen ist, daß es eigentlich keinen Tod gibt, daß dieses böse Wort nur Transzendenz beherbergt, daß kein Abschied letztgültig ist – der verliert all dies. Der verliert ein ewiges Leben, der verliert jeden Menschen, den er bis dahin ins Jenseits verabschiedet hatte, der erkennt erst in diesem Moment, daß der Tod wirklich existiert – dieses absolute Ende des Bewusstseins, des Raumes und Zeit.
Im Nachhinein und in der jetzigen Form erst durch die vielen klugen Gedanken eines bestimmten Menschen weiß ich, daß das nicht nur ein Verlust, sondern sogar ein Gewinn gewesen sein kann. Erst durch das Wissen um die Nicht-Reproduzierbarkeit wertvoller Momente erfahren diese eine Wertsteigerung bis hin zur (gänzlich weltlichen) Heiligkeit. Erst dadurch konnte ich mir vorstellen und erfahren, was Liebe ist und bedeutet, daß ihr Weg die Grenzen der Endlichkeit braucht, an die sich das Gefühlte, das Erlebte in seiner höchsten Intensität asymptotisch anschmiegen kann. Was es bedeutet, in das riesige, eisige und schwarze Universum hinausschauen zu können, wohl wissend, daß es niemals von mir Notiz nehmen wird und ich nicht imstande bin, mir seine Dimensionen auch nur ansatzweise auszumalen, und nur in diesen sprachlosen, winzigen Augenblicken des Erahnens selbiger mich in Ehrfurcht verlieren kann – die mir aber nicht in Form von Angst vor dieser Majestät, dieser Gewaltigkeit, dieser Leere gefährlich werden kann. Denn ich kann mich von ihr ab- und meinem Zentrum zuwenden; diesem kleinen Funken Sein, diesem Menschen, dem ich erlaube, mir alles zu werden, mich aufzufangen und im Arm zu halten – in dessen Arme ich vor Tod und Leere fliehen kann und dem selbiges ich zu geben bereit bin. Diese Liebe braucht aber nicht vor der Gewaltigkeit des Universums und der ehrfurchteinflößenden Beschaffenheit allen Seins zu fliehen – sie wird dadurch noch aufgewertet. Und diese Liebe muß nicht den Tod überwinden – sie braucht ihn.


Ja, so habe ich Leben, Erleben und Lieben schätzen und neu definieren gelernt. Und der Trost, der für mich davon ausgeht, ist groß und unbeschreiblich. Ich kann aber auch gut verstehen (und fühlen), wie man sich diesen Trost verwehren kann – ich habe es selbst jahrelang getan. Und wenn man ohne den Gedanken, daß ein kosmisches Auffangnetz Unfreiheit bedeutet und Ewigkeit unerträglich sein muß, in die Abgründe des Todes blickt, dann gibt es tiefschwarze Momente, die markerschütternde Aufschreie in der eigenen Seele zu sein scheinen, in denen man ahnt und erkennt, daß man sterben muß, daß es ein Ende gibt, daß das eigene Bewußtsein, an dem man so hängt, dazu verdammt ist, zu verschwinden. Daß diese Sonne eines Tages nicht mehr für einen scheinen wird, daß diese Hände eines Tages von Würmern zerfressen werden, daß dieser Name eines Tages für alle Zeiten vergessen sein wird und daß es dann alles unwiederbringlich vorbei ist. Es ist, als beginne der Tod mit seiner Erkenntnis ein kleines bißchen; als habe er plötzlich ein Gesicht, die widerliche Fratze der Fäulnis, die einen unablässig anstarrt. Verdrängt und beiseite geschoben, offenbart er sich jedoch in vereinzelten, stillen Momenten – und man könnte sich niemals einsamer fühlen als in einem solchen, wo einem doch das ewige Leben versprochen war (ja, ich erwähne es nochmals: ungeachtet der Implikationen!).

Ich weiß natürlich nun, daß ich die Dinge umwerten kann. Und da dieser Trost anthropogen ist und nicht weltimmanent, weiß ich auch, daß nicht jeder das kann und genau das tut mir leid. Die Gedanken eines Menschen haben mir geholfen, nicht mehr um mein metaphysisches Auffangnetz zu trauern, weil der Fall nicht tief und der Tod profan ist. Das weiß ich und fühlen kann ich es auch. Aber es wird immer ein Funke Vergangenheit bleiben. So, wie man sich manchmal nach unbeschwerten Kindertagen sehnt, obwohl man die beschrittenen Wege, das Erlebte, die Möglichkeiten, die Melancholie so liebt, so wird es immer eine Verbindung in die Zeit sorgloser Glaubenstage geben, die – trotz der Erkenntnis der für mich mittlerweile nicht zu ertragenden Beschaffenheit dieses „Trosts“ - einen völlig irrationalen Funken Ratlosigkeit und Angst in mir gesät haben.
Ich werde es vermutlich nie schaffen, mich ganz von ihr zu emanzipieren.
Gevatter Tod wird mich immer auf Schritt und Tritt begleiten, und wenn ich einmal in all den Jahren den Kopf wende, werde ich wieder erschrecken an seiner widerlichen Fratze, die nach Fäulnis schreit.