Montag, 17. Januar 2011

Ich liebe die Deutsche Bahn.

Das war eine Lüge. Mit dieser soll der Blogpost anfangen, den ich im Begriff bin zu schreiben; allerdings gelobe ich, ihn fortan nur noch mit wahren Statements zu füllen. Nun; die in der Überschrift genannte Lüge sollte mich quasi als Antiklimax zu meiner leicht apokalyptischen Laune wieder ein wenig herunterkühlen, als ich heute morgen am Startbahnhof meiner Reise 25min auf meinen Zug warten durfte, dank der Unzuverlässigkeit meines neuen Lieblingsvereins DB. Natürlich haben auch die Vertröst-Ansagen nicht richtig funktioniert, und immer wieder sagte die nette Frauenstimme nur „klick... klick... erspätung. Wir bitten um Entschuldigung.“ Aber, ach, was wäre das Leben ohne ein wenig Adrenalin am Morgen, nicht wahr? Es ist ja nicht so, daß die Bahnfahrt an sich, die sich über 2 Stunden ausdehnte, nicht überaus... interessant war.

Die Bahn war entgegen meiner Erwartungen glücklicherweise nicht so voll wie die Mutter eines Forensikers um die Mittagszeit (der werte Leser entschuldige bitte einen hier eingebauten sogenannten „Insider“), sodaß ich zügig einen Sitzplatz fand. Mir gegenüber saß eine blonde Frau, deren Erscheinungsbild mir ein Rätsel aufgab: Es war mir vollkommen unmöglich, ihr Alter einzuschätzen. Ob nun 15 oder 50, ich hätte es beim besten Willen nicht sagen können. Denn abgesehen davon, daß ihr Gesicht so durchlöchert war wie die Zielscheibe am Übungsschießstand für blinde Polizeianwärter, prangten dort derart viele Falten, daß ich nicht sagen konnte, ob das in seiner Konsistenz stark an den Rock einer 60jährigen Frauenrechtlerin erinnernde Gesicht nun drogenzerfurcht, alterszerfurcht oder von Schlaflosigkeit zerquollen war. Interessant, jedenfalls.
In der Zwischenzeit war ein Mittfünfziger mit Anzug und Zeitung eingetroffen, der mich mit seinem Blick und dem demonstrativen „Ich stell mir jetzt hier hin“-Getue nötigte, meine etwa 376 Taschen auf dem Boden und mir zu verteilen, um ihm einen Platz freizuschaufeln. Umgangsformen! Wieso auch etwas sagen? Ich strafte ihn mit zehnsekündigem dummen Zurückstarren und räumte dann augenverdrehend den Platz. Zu mehr Schlagfähigkeit bin ich morgens noch nicht fähig. Wieso sitzen solche Schnösel denn nicht in der ersten Klasse? Der Kerl ist doch sicherlich auch privat versichert. Dann hat er doch Geld. Eigentlich sollten privat Versicherte grundsätzlich in der ersten Klasse sitzen – und wenn sie das nicht tun, sollen sie sich gefälligst nicht so aufführen! Hmpf.
Neben der Faltenfrau saß eine ältliche Dame, die ich gerne als „Fischfrau“ bezeichnen möchte. Ihre Basedow-Augen und ihre Mundbewegungen verleiteten mich dazu. Jemand hätte der armen Frau mal sagen sollen, daß der Selbstbräuner mit Farbton „Kot“ ihr einfach nicht steht. Ich sehe ein, daß dies nach dem zweiten Weltkrieg schick oder sogar unumgänglich war, um sich die Trümmerasche aus dem Gesicht zu kleistern, aber irgendwer hätte die Dame wirklich darauf hinweisen können, daß diese Zeiten vorbei sind!
Nächster Halt. Nebst einem Mann mit dickem Bling-Bling-Kruzifix (was mich daran aufregt? Nun; erstens kann ich mit dem Symbol nichts anfangen, zweitens kann ich mit Bling-Bling nichts anfangen und drittens hätte Kumpel Jesus es sicher als Verballhornung seiner Qualen empfunden, wenn es ihn denn gegeben hätte) enterte nun ein kleines Männchen das sinkende Schiff, unter dessen Schildkappe bisweilen ein dezenter Husten mit Auswurf hervorkroch. Mjamjam. Dann begann sein Nokia-Handy mit einem 90er-Jahre-Klingelton auf Maximallautstärke zu klingeln. Herrlich.
Einen beinahe lustigen Kontrast dazu bot mittlerweile die geradezu lächerlich schöne Morgenkulisse aus rosarotem und goldenem Licht. Der Grund, aus dem ich das alles festhalte, ist der, daß diese ganze Szenerie für mich wie ein Kuriositätenkabinett anmutete. Mag an meiner eher ländlichen Herkunft liegen (an dieser Stelle wickle ich kichernd meine geflochtenen Zöpfe um meine Zeigefinger und fange an zu jodeln).
Nun möchte ich eine Frage in den leeren Blograum werfen: wieso setzen sich die fettesten Menschen eigentlich immer mit größter Zuverlässigkeit dort hin, wo am wenigsten Platz ist? Am nächsten Halt nämlich stieg die Piercingfrau aus und an ihre Stelle begab sich ein etwas unförmiges Etwas.
Zudem bestieg noch eine „junge“ Frau mit 80er-Jahre-Gedächtnisfrisur und einer Portion rosa Lipgloss auf den Lippen, die aussah wie der tödliche Unfall in einem Chemie-Farbwerk, die Bahn. Ihr imaginärer Name war Cindy, und sie war harmlos. Sie hüpfte bumsvergnügt wie eine dicke Gazelle in den Zug, fuhr eine Station, die man natürlich auch zu Fuß hätte erreichen können und stieg aus, um woanders weiterzugrasen (oder zu steaken, oder puddingen, oder was auch immer).

Die voluminöse Dame mir gegenüber, deren Nase beim Rückenschwimmen problemlos als Haifischattrappe durchgehen würde (eigentlich gerade in Australien oder so ein lukrativer Job, und vor allem für sie, denn als Insel mit diversen Bergen würde sie's auch tun... Kinderhüpfburg... alles möglich), versuchte dann wohl, poetisch und weise ins sich ausbreitende Sonnenlicht zu lächeln. Epic Fail. Das ist, als würde sich Sherringtons Spinalhund im Lap Dance versuchen oder... naja, als würde ein adipöser Gesichtselfmeter versuchen, filigran zu lächeln. Die gewaltigen Gesichtsmassen verschoben sich titanisch hin und her, spielten mit der Gravitation, betteten das Licht um und endeten endlich in einer grotesken Grimasse, die an sich wiederum das Sonnenlicht entstellte; den Soundtrack hierzu bildete der Auswurfhusten des Schildkrötenmannes.

Dicke Dame 1 stieg aus. Auftritt nächste Fettwumme, dick parfümiert und neben mir, obwohl sie zwei Plätze bräuchte. Ich hasste mein Leben.
Ich spürte die Wellen, die ihre Oberschenkel in den Kurven schlugen und konnte mir bildlich vorstellen, wie sie nach dem dritten Burger nackt vor dem Spiegel steht und sagt „Isch fühl misch wohl so, isch kannett tragen!“; woraufhin ihr 60kg-Schmächtling eifrig nickt und ein „Jaaa, isch will ja auch watt zum Reinfassen“ krächzt, wohl wissend, daß sie sich, täte er dies nicht, einfach auf ihn setzen und ihn mit einer ihrer Körperöffnungen oder Speckfalten internalisieren bzw. der Endofettose zuführen würde.
Hach ja... es ist schon recht lustig, wie sich Geschichten im Kopf aufspannen. Ich stellte mir beispielsweise auch vor, wie der bärtige, rothaarige Endzwanziger an der nächsten Bahnhaltestelle im Bioladen steht und nach veganen Rucksäcken fragt. „Hamsedie auch in khaki und ohne Lactose?“
Naja, na gut, gibt durchaus unterhaltsameres. Zum Beispiel die Vorstellung, daß Bud Spencer einfach auftauchen und die Dicke neben mir wegbashen würde. Eine Idee, die mir zugegebenermaßen ein paar Momente des Vergnügens bescherte, ehe ich mir des Elends neben mir wieder gewahr wurde.

Yeah! Auftritt grauhaarige Ökomutti mit Kind. Vielversprechend. Ein interessantes, aber durchaus erklärbares Phänomen ist der abnehmende Sinn für Ästhetik frischer Mütter. Nun, da sie ihre Fortpflanzungspflicht getan haben, müßen sie ja auch niemandem mehr gefallen.
Das Kind stellte sehr treffend fest, daß ich ja rote Haare habe und konstatierte im nächsten Moment, daß pinke Haare ja auch eine feine Sache seien und es solche selbst gerne hätte. Die Mutter hingegen nahm sehr liebevoll hin, daß ihr Kind zusammenhanglosen Kram brabbelte. Bemerkenswert fand ich in diesem Moment, daß viele Leute genau diese Fähigkeit, nämlich gequirlten Müll zu reden, ihr ganzes Leben lang nie verlieren; nur die Coping-Strategien des Umfelds verändern sich mit den Jahren.
An dieser Stelle begann ich mir vorzustellen, wie es denn sei, Menschen, die zusammenhanglosen Mist reden, jedes Mal mit einem „Joaaaaah... du-du-duuuu...“ zu begegnen, von Polit-Talk bis zum Vatikan, von Stoiber bis Mixa (no big difference), und mußte leise lachen.
Dann allerdings betrat eine obligatorische 16jährige zweifache Schakkeline-Mutter den Zug. „Siehsse, Sofia, datt is der Bauhof.“ First Level Child Education.
Hier nahm ich alles zurück und wollte die Ökomutter lobpreisen dafür, daß sie wenigstens mit ihrem Kind sprach, im Gegensatz zu Schakkeline, die ihre Aufgabe als Mutter offenbar auf die bloße Existenz reduziert hatte. Nach dem vierten Mal beantwortete sie mal die Frage ihres Sprosses, natürlich nicht ohne ein Höchstmaß an Genervtheit zu demonstrieren.
Das Kind freute sich überdies so diebisch über mein Grinsen, daß es mir das Herz hätte brechen können.
Anschließend rang sich die Gebärdame doch dazu durch, ihrem etwa dreijährigen Kind eine Frage zu stellen, als dieses verträumt aus dem Fenster blickte: „Und, watt is Du? Bisse schon in Trongs? (= Trance)“ In mir schrie alles nach Reproduktionsrestriktion für sozial Verarmte und Elternführerschein. Während die Ökomama die Hand ihres Kindes streichelte, antwortete Schakkeline auf die flehentliche Bitte ihres Kindes, auf den Schoß sitzen zu dürfen („Ich will zu Dir..“) mit „Brauchst doch nich bei mir auffön Schoß. Bist Du nochn Baby?“ Während die Ökomama ihrem Kind den Sonnenaufgang zeigte und sagte „Ich wollte Dir mal zeigen, wie schön das ist“ erheiterte Schakkeline ihre Brut mit Geschichten à la „Am Samstach stehenwa früh auf und fahren nach Bielefeld. Und nächste Woche muß isch zum Arzt.“
Traurige Welt.
Zum Glück war der Zug mittlerweile am Endbahnhof angekommen. Das Elend der Welt wird in Züge gepackt und mir vor die Nase gesetzt. Das fängt bei der DB an und hört bei Schakkeline auf. Das Gute daran ist allerdings, daß nichts meine Laune nachhaltig hat trüben können. Das könnte vermutlich nicht mal ein Atomkrieg. Tihihi.

P.S.: Auf dem Fußweg nach Hause habe ich gesehen, daß die Tierheilpraktikerin ein paar Häuser weiter geschlossen hat. Ich freue mich diebisch darüber. Warum wohl? Liefen die Geschäfte schlecht? Ja, und, wiesoooo wohl dieses? Etwa weil es himmelschreiende Scheiße ist, die einem dort für teures Geld untergejubelt wurde? Thanks, Captain Obvious!

Kommentare:

  1. jaja, kennt man alles! Schön isses nicht (genausowenig wie die Mutter einer bekannten Flötistin, die am Strand immer von den Katzen vergraben wird) - aber wir wissen ja: es soll jetzt alles besser werden, bei der Bahn. ;-D
    (http://www.naumburger-tageblatt.de/ntb/ContentServer?pagename=ntb/page&atype=ksArtikel&aid=1294645918566&openMenu=1013016724684&calledPageId=1013016724684&listid=1018881578399)

    Übrigens: Epic Fail war auch folgende Analogie "durchlöchert wie die Zielscheibe am Übungsschießstand für blinde Polizeianwärter"
    Das wäre ja dann GAR nicht mal so durchlöchert (weil die Witzerwartung ja dahin geht, daß der blinde Polizeianwärter alles trifft, nur eben nicht die Zielscheibe, verstehen Sie?). Und blinde Polizeianwärter gibbet ja auch nicht und daher auch keinen Schießstand für diese.

    Besser wäre daher folgende Analogie: "durchlöchert wie das Hymen Deiner Mutter als 14-jährige" :-D
    oder "
    "durchlöchert wie der Sarg Deiner Mutter (damit die Würmer zum Kotzen raus können)" etc.

    :-D :-D

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  2. Deine Bedenken wegen der Zielscheibenanalogie verstehe und teilte ich, ABER ich habe mich mit mir selbst dahingehend geeinigt, daß die Piercings recht diffus im Gesicht verteilt und relativ weit auseinander lagen. Und wie?!? Es gibt keinen Schießstand für blinde Polizeianwärter??

    http://images.icanhascheezburger.com/completestore/2009/2/14/128790995218892659.jpg

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  3. Oh really!?
    (Schlag mal hier nach: http://joemce.files.wordpress.com/2008/02/irony.jpg)
    ;-D

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  4. Okay, einfach falsch; Du hättest
    http://www.vgchat.com/images/n00bies/oh_rly.jpg
    schreiben müßen, und ich hätte
    http://asset.soup.io/asset/0489/0894_3fb9_500.jpeg
    geantwortet.

    Verstehen Sie?

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