Montag, 24. Januar 2011

Vormittagserkenntnisse

Die meisten meiner Einfälle habe ich während des Zugfahrens. Nah- und Fernverkehr haben Schuld an vielen der hiesigen Blogeinträge und sonstigen Machwerke. Und so auch heute: der Vormittag im Zug bescherte mir viele Erkenntnisse; und zwar nicht nur die, daß Montag morgens um elf offenbar niemand nach "Emmerüsch" will und der Zug daher erfrischend leer ist. Schade, daß ich nicht weiter nach Emmerich, sondern umsteigen mußte. Vielleicht werde ich mir aber beizeiten das Vergnügen gönnen und mit dem Zug bis dorthin durchfahren, um die Ruhe zu genießen (ich als Süddeutsche habe ja festgestellt, daß derlei drastische Maßnahmen mitunter notwendig sind, um im Gebiet Rhein/Ruhr mal ein wenig davon zu erhaschen).

Nun gut, aber darauf will ich nicht hinaus. Ich hatte und habe ein belegtes Brötchen der Erkenntis (und des Frühstücks) in betreffendem Zug. Natürlich nicht "belegt mit Erkenntnis" - das wäre ja entweder kryptisch oder verrückt oder beides. Und das bin ich natürlich bekanntermaßen beides nicht. Nein, vielmehr frage ich mich, ob mir die Ingredienzen meines Brötchens wohl bekannt vorkommen sollten. Ob das Brötchen und ich nicht alte Verwandte sind. Und die Antwort, zu der ich komme, ist - Ja! Nein, nicht "Aaaaach, Inge-Gertrud, Möööönsch, Dich hab ich ja schon SO lang nicht mehr gesehen! Gut siehsse aus! Watt macht die Kunst? Muß, ne?"-verwandt, sondern sehr viel kosmischer.
Denken wir an einen weit entfernten Punkt und eine lang vergangene Zeit. Ich spreche von ca. 14 Milliarden Jahren; ich spreche von Singularität. All die schönen Dinge, die unser Universum so zu bieten hat - riesige Sterne in noch riesigeren Galaxien, Planetensysteme, Gasnebel,  Hugh Jackman, Knoblauch, Zeit, Eierschalensollbruchstellenverursacher, Quasare, Inuit etc. - waren schonmal in einem etwas... äh, "anderen" Zustand. Klein, heiß, kompakt (und das geht weit über kleinwüchsige, muskelbepackte Unterwäschemodelle hinaus!) - bis in die Unendlichkeit. Ein winziges Energiebündel, das ALLES enthält und in die Existenz hineinexplodiert. Darin enthalten: Du, ich, Dein PC, mit dem Du diesen Eintrag liest, die Tastatur, auf der ich ihn schreibe, der Kaffee, den Du dabei trinkst, das Brötchen, das ich gerade esse. Wir alle waren unendlich nah beieinander. Wir waren in einer geriiiiingfügig anderen Konfiguration eins. Voll gut!
Mein Bruder, das Brot.

Es gibt Theorien, die davon ausgehen, daß sich das Universum nach maximaler Expansion wieder zusammenzieht und neuerlich in die Singularität verfällt. Sollte dem so sein, werde ich der Bäckereifachangestellten, die mir das Brötchen verkauft und dabei die Existenz der Eierscheiben darauf verschwiegen hat (baaaaaaah!), bei dortigem Wiedertreffen dermaßen die Leviten lesen, daß Fetzen, Quarks und Elektronen nur so fliegen...
Zurück zum Brot an sich. Während ich mich ein wenig angeekelt (Ei, Sie wissen schon) einem weiteren Akt der fraternalen Verspeisung hingebe, wird mir klar, daß Fred und ich (ich habe ihm einen Namen gegeben) vermutlich auch mal Nachbarn und als solche Teile eines großen und nun toten Sterns waren, der nach sicherlich äonenlanger Tätigkeit in einem kosmischen Aufbäumen, einer stellaren Agonie seine Überreste, aus denen wir hervorgingen, in das Weltall geschrien, geächzt, gestöhnt hat. Sterne können also lecker sein. Können. Nicht, wenn Ei im Spiel ist. Daraus (und aus all dem anderen Beschriebenen) ergeben sich für mich drei vormittägliche Erkenntnisse.
  • Was für ein schöner Gedanke: wir waren ewig und werden auch ewig sein (wie Herr John Frusciante sagt: "What is has always been and will always be"), und für diesen kurzen Moment haben Chaos, Zufall, Naturgesetze (und Käsesteak) dazu geführt, daß sich dieser Materiematsch in eine Form gefügt hat, die befähigt ist, diesen vermeintlich sterilen und kalten Weltenlauf wahrzunehmen, zu erforschen und auch noch zu genießen und zu bewundern. Ein Grund mehr, das Hiersein herrlich zu finden. Wenngleich tatsächlich "Bleiben" nirgends ist. Die Formwandelbarkeit ist unumgänglich. Hermann Hesse schreibt: "Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen". Wir sind ewig, aber wie - das obliegt den o.g. Einflüssen (und ja, ewig; allein die Formulierung "vor dem Urknall" ist unzulässig, da er auch die Zeit gebar. Ob nun als WIMP, als Mensch, als wabernde Energie - irgendwatt is immer). Ich lasse das sich daraus ergebende (und uns überdies durch sich daraus ergebende Limitation zur Liebe bemächtigende) Gefühl mal von anderen Menschen formulieren...
Twirling around with this familiar parabol.
Spinning, weaving round each new experience.
Recognize this as a holy gift and celebrate this chance to be - alive and breathing.

This body holding me reminds me of my own mortality.

Embrace this moment. Remember. We are eternal.
All this pain is an illusion.
   - Tool, aus "Parabol." Für eine überzeichnete, ja - poetisch-bildhaftere Umschreibung dessen: das Video.
  • Sollten wir nicht Frau Schmitt von gegenüber weniger doof finden, wennn sie mal wieder mit Fernglas in unser Wohnzimmer linst; oder Herrn Hüttchen, wenn er die halbe Bahn influenzös vollrotzt? Oder Schakkeline (16), wenn sie rauchend am Kinderwagen ihres vierten Kindes steht? Immerhin waren wir alle eins und das in der wärmstmöglichen Verbrüderung (also, rein physikalisch betrachtet)... oder eben Richie, der seine Frau schlägt und Ratzepoop, wenn er mal wieder ein paar Callboys einbestellt und fleißig an der AIDS-Vebreitung und der sexuellen Restriktion für den Rest der Menschheit arbeitet...? Okay, wait, that was some kind of a bad idea... Dezentes Räuspern an dieser Stelle.
  • Man sollte niemals ohne Blatt und Stift verreisen, das sei meine letzte Folgerung. Manchmal sind es die besten Freunde, die man hat.

    (... und alte Bekannte aus Singularitätszeiten! Hell yeah!) 

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