Donnerstag, 24. Februar 2011

"Daß ich erkenne, was die Welt..." - oder: Woher diese Angst?

Ich habe heute angefangen, ein großartiges Buch zu lesen. Es nennt sich "Das elegante Universum" und wurde von Prof. Brian Greene in der Absicht verfaßt, die Stringtheorie auf eine leicht verständliche Weise zu formulieren. An dieser Stelle möchte ich es gerne empfehlen; es ist hervorragend geschrieben und kann mit einem gewissen Anspruch aufwarten.
Doch das ist es nicht, was mich zu diesem Blogpost veranlasst hat. Um zur Sache zu kommen, muß ich ein wenig ausholen: wir gehen gegenwärtig davon aus, daß die Welt aus Atomen (und Molekülen) besteht; und diese wiederum setzen sich aus Protonen und Neutronen im Kern sowie Elektronen, die um selbigen schwirren, zusammen. Weiterhin lassen sich auf subatomarer Ebene Up-Quarks und Down-Quarks unterscheiden, die jeweils in Dreierpaketen Protonen oder Neutronen bilden.
Zudem gibt es noch weitere Teilchen, die im Weltall herumtänzeln (darunter Top-Quarks, Bottom-Quarks, Neutrinos, Positronen, charme-Quarks, Myonen, strange-Quarks, Tauonen, tralala, nur um sie mal erwähnt zu haben) und solche, die als Quanten der vier großen Naturkräfte gelten (schwache Kernkraft mit schwachem Eichboson, starke Kernkraft mit Gluon, elektromagnetische Kraft mit Photon sowie Gravitation mit dem hypothetischen Graviton). So weit, so gut.
Das sind also die Teilchen, die unser Universum ausmachen, laut dem, was viele kluge Menschen denken. Wirkt auf den ersten Blick ziemlich chaotisch und zufällig, außerdem ergeben sich fürchterliche Probleme dabei, den Quantenspaß mit der allgemeinen Relativitätstheorie zu kombinieren - ein Problem, das die Köpfe nun jahrzehntelang zum Rauchen gebracht hat.
Ich will mir hier garnicht rausnehmen, irgendwas an der Stringtheorie erklären zu können, nur so viel: laut dieser ist jedes der o.g. Teilchen durch einen unendlich dünnen Faden konstituiert; es besteht für sich nochmal aus einer oszillierenden, unvorstellbar winzigen Schleife - und die Eigenschaften des Teilchens ergeben sich daraus, wie diese Schleife schwingt.
Als mir das klar wurde, konnte ich nichts anderes tun als minutenlang zu staunen. Und mich zu freuen, über die Eleganz dieser möglichen Lösung (die übrigens auch das Dilemma mit Einsteins allg. Relativitätstheorie beheben könnte) und über die Idee, daß alles, alles was wir sind, wahrnehmen und tun darauf basiert, daß winzige Strings unterschiedlich schwingen. Allerdings wertet das Gros der Menschen das wohl anders; diesen Anschein erweckt zumindest das Buch...

"An der reduktionistischen Vorstellung scheiden sich die Geister. Viele finden es töricht und geradezu empörend, wenn jemand behauptet, die Wunder des Lebens und des Universums seien lediglich Ausdruck des sinnlosen Tanzes mikroskopischer Teilchen, die sich nach den Gesetzen der Physik richten. Ist es wirklich so, daß Gefühle wie Freude, Trauer oder Langeweile nichts anderes als chemische Reaktionen im Gehirn sind - Reaktionen zwischen Molekülen und Atomen, die, auf noch fundamentaleren Ebenen, Reaktionen zwischen den Teilchen [s.o.] oder gar zwischen schwingenden Strings sind? Zu dieser Art der Kritik meint Nobelpreisträger Steven Weinberg [...]:
Am anderen Ende des Spektrums stehen die Gegner des Reduktionismus, die über die Trostlosigkeit der modernen Wissenschaft entsetzt sind. Gleichgültig, in welchem Ausmaß sie und ihre Welt sich auf Teilchen oder auf Felder und deren Wechselwirkung reduzieren lassen, sie fühlen sich durch dieses Wissen herabgesetzt ... Diesen Kritikern möchte ich nicht mit aufmunternden Worten über die Schönheit der modernen Wissenschaft antworten. Das reduktionistische Weltbild ist tatsächlich kalt und unpersönlich. Man muß es akzeptieren, wie es ist, nicht weil wir es mögen, sondern weil die Welt eben so beschaffen ist.
[...]"

Ich war sehr verwundert über solche Formulierungen. Für mich hat nicht einmal die Bezeichnung des Reduktionismus seine Berechtigung, denn selbst, wenn man alles sein auf diese kleinsten Saiten "herunterbricht", so gewinnt man dadurch doch nur: Erkenntnisse; Möglichkeiten, endlich scheinbar Unvereinbares zu verbinden; einen komplett neuen Eindruck von Raum und Zeit; und nicht zuletzt Ehrfurcht, Ehrfurcht, Ehrfurcht. Vor all dem Unglaublichen, was aus dem Schwingen und Tanzen winziger Strings entstanden ist und nur unter genau diesen Konditionen entstehen konnte. Sie sind der Grund, wieso ich hier sitzen, das schreiben und verstehen kann. Das, liebe Menschen, ist keine Reduktion im universellen Sinne - das ist ein Schlüssel zur Dankbarkeit dem Weltenlauf gegenüber und zur unendlichen Freude, durch all das die Schönheit der Welt und des Kosmos einen Wimpernschlag lang erleben zu dürfen.
Was ist daran trostlos? Natürlich mag das Universum "kalt" sein und unbeeindruckt von uns Menschen, gar "unpersönlich" - aber ist es nicht das, was uns frei macht? Und ist es nicht das, was ihm die mächtige Schönheit verleiht? Auf welchem Roß sitzen wir Menschen, wenn wir denken, das Universum schulde uns etwas - etwa persönliche Zuwendung oder Reaktion auf unser Dasein? Wir sind hier für einen Windhauch, wir können unsere Spuren hinterlassen, und die Welt wird auch ohne uns wunderbar weiterlaufen. Wir, Kinder des Zufalls und der Gesetze des Kosmos; wir, die wir durch tänzelnde Schleifen hindurch zum Sein, Fühlen und Denken gelangen, wir haben ein Geschenk erhalten, dessen unfaßbare Schönheit sich uns mit jeder neuen Erkenntnis offenbart, die wir der Welt abringen können. Und so auch mit dieser - wenn man es nur zuläßt, vermag es zu Tränen zu rühren. Und die Angst verliert sich da, wo wir eine Aufgabe finden.

Zum Schluß dieses Beitrags möchte ich noch ein Zitat aus dem Buch anführen, das gleichermaßen ein Plädoyer für das oben angedeutete Denken und für die Schönheit der String-Theorie (und der wissenschaftlichen Erkenntnis an sich) ist:

"Das Universum ist von so wunderbarer Vielfalt und Komplexität, daß die Entdeckung der endgültigen Theorie, wie wir sie hier beschreiben, nicht das Ende der Naturwissenschaft bedeuten würde. Die Entdeckung der Weltenformel - der letztgültigen Erklärung des Universums auf fundamentaler Ebene, einer Theorie, die auf keine tiefere Erklärungsebene zurückgriffe - wäre das stabilste Fundament, auf dem unser Verständnis der Welt aufbauen könnte. Ihre Entdeckung wäre ein Anfang und kein Ende. Die endgültige Theorie wäre ein unmißverständliches Zeichen der Schlüssigkeit, ein Beweis dafür, daß wir das Universum im Prinzip tatsächlich verstehen können."
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P.S.: Jüngst erfreut mich auch die Physik als Grundlage einer naturwissenschaftlich orientierten Erkenntnistheorie. Aber damit wird sich ein anderer Blogeintrag beschäftigen...
P.P.S.: Hier geht es übrigens nicht darum, was an der Stringtheorie gut/richtig/cool/wahr ist und was nicht. Es geht vielmehr um Weltanschauliches.
P.P.P.S.:


Kommentare:

  1. Hoooo Rote! Nicht daß mit Dir noch die Ehrfurcht-Gäule durchgehen! ;-)
    Wie der Cartoon schon richtig andeutet: nur wenige verstehen die Stringtheorie und ihre Implikationen kennt keiner, sowie sich auch die Evidenz, die sie belegen soll, noch nicht eingefunden hat.
    Respekt vor der Wissenschaft und Anerkennung der wissenschaftlichen Methode als einzig verlässliches Verfahren, zur Überprüfung von Evidenz ist sicher gut, aber man sollte sie nicht verklären und nicht zu viel von ihr verlangen.
    Sie gebietet keine Ehrfurcht und auch sonst nichts, es ist unser Gehirn, das Ehrfurcht empfindet und daß es das kann, hatte wohl mal einen selektiven Vorteil. Erhabenheit ist nicht weltimmanent, sie ist ausschließlich anthropoästhetisch.
    Die wissenschaftliche Sicht der Welt ist nämlich in der Tat eine trostlose, denn "Trost" ist ein urmenschliches Bedürfnis und hat nichts mit den lückenhaften Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Kosmos zu tun. Wenn man angesichts des tristen Bildes, das sich uns bietet, tatsächlich Trost und Geborgenheit zu empfinden vermag, so ist dies eine Projektion und sie ist menschlich, allzumenschlich.
    Das gute ist, daß diese Projektion ohne das Übernatürliche auskommt und ohne unbegründete, überflüssige Annahmen, doch sie entspringt zu 100% unseren Wünschen und Bedürfnissen und zu 0% der naturwissenschaftlichen Realität.
    Weinberg hat schon recht: das Universum ist wirklich kalt und gleichgültig und man kann von dummem Glück sagen, daß wir noch nicht von einem zufälligen Meteoriten pulverisiert worden sind. Und auch unsere Umwelt ist feindlich, wir sind nicht in ihr geborgen, sondern nur in unseren Gedanken. Ich freue mich in diesem Moment, daß es den Mikroorganismen in mir und um mich herum noch (!) nicht gelungen ist, mich in eine Pfütze faulenden Schlamms zu verwandeln, denn die kleinen Scheißer versuchen in jeder Sekunde, an meiner Abwehr gegen sie vorbei zu kommen und das einzige, was sie noch aufhält, ist die konstante Investition von Energie, um mein Immunsystem bereit zu halten. Und eines Tages kriegen sie mich doch (sofern mich nicht zuvor dieser Meteor in eine Wolke anorganischer Moleküle mit minimalem Nährwert verwandelt hat).

    Das Leben ist kein Geschenk denn es gibt keinen Schenker und keinen Empfänger (denn es entsteht auch kein "neues" Leben, sondern es entstehen "Ableger" von existierenden Lebewesen in einem Prozess, in dem zu keinem Zeitpunkt nicht lebende Strukturen eine Rolle spielen). Es ist einfach da und erhält sich selbst und wir sind doch alle verdammt. In diesem Moment sind wir durch Glück ÜBERlebende, die durch evolvierte, "egoistische" Prozesse erhalten werden und genausowenig wie für die Freiheit meines Geistes empfinde ich Dankbarkeit für das Schlagen meines Herzens. Das ist magisches Denken!

    Dennoch lebe ich gerne. Trotz, nicht wegen der Beschaffenheit der Welt. Ich liebe das kleine, kurze, eine Leben, das ich habe, denn ich werde nie etwas anderes kennen und erleben und alles Streben nach Erkenntnis, alles mühsam erlangte und der Natur abgetrotzte Wissen ist keine Gebärde der Demut oder der Ehrfurcht vor dieser Welt, der wir etwa eine Befassung mit ihr schuldeten, sondern dient nur dazu, uns zu helfen, länger und besser in ihr auszuhalten. Um zu leben. Um frei zu sein. Um zu lieben.

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  2. "Wie der Cartoon schon richtig andeutet: nur wenige verstehen die Stringtheorie und ihre Implikationen kennt keiner, sowie sich auch die Evidenz, die sie belegen soll, noch nicht eingefunden hat."

    Deswegen sowohl der Cartoon als auch die P.S.-Anmerkung. ;) Es geht hier vielmehr ums Prinzip.

    "Sie gebietet keine Ehrfurcht und auch sonst nichts, es ist unser Gehirn, das Ehrfurcht empfindet und daß es das kann, hatte wohl mal einen selektiven Vorteil. Erhabenheit ist nicht weltimmanent, sie ist ausschließlich anthropoästhetisch.
    Die wissenschaftliche Sicht der Welt ist nämlich in der Tat eine trostlose, denn "Trost" ist ein urmenschliches Bedürfnis und hat nichts mit den lückenhaften Erkenntnissen über die Beschaffenheit des Kosmos zu tun. Wenn man angesichts des tristen Bildes, das sich uns bietet, tatsächlich Trost und Geborgenheit zu empfinden vermag, so ist dies eine Projektion und sie ist menschlich, allzumenschlich.
    Das gute ist, daß diese Projektion ohne das Übernatürliche auskommt und ohne unbegründete, überflüssige Annahmen, doch sie entspringt zu 100% unseren Wünschen und Bedürfnissen und zu 0% der naturwissenschaftlichen Realität."

    Genau. Daß es sich bei allem oben geschriebenen um Projektion handelt, um, wie Du so schön sagst, anthropoästhetisches Empfinden und um rein subjektive Wertung, habe ich nie bestritten. Allerdings habe ich mich auch über ein Phänomen der subjektiven Wertung ereifert: das Bild, das die Beschaffenheit des Universums zeichnet, als trist wahrzunehmen. Denn auch das ist reine Wertung und entspringt unserem Bedürfnis nach Trost. Ich persönlich erfreue mich an meiner Möglichkeit, Welt und Leben so zu werten.

    "Weinberg hat schon recht: [...]Und eines Tages kriegen sie mich doch (sofern mich nicht zuvor dieser Meteor in eine Wolke anorganischer Moleküle mit minimalem Nährwert verwandelt hat)."

    Ja, und genau deswegen ist es große Freude, die ich empfinde, in einer von Lebensfeindlichkeit und unwahrscheinlich großen Zufällen und Prozessen geprägten Welt doch leben zu können, und einen Moment lang hier zu sein, zu leben, zu denken, zu empfinden.

    "Das Leben ist kein Geschenk [...] und genausowenig wie für die Freiheit meines Geistes empfinde ich Dankbarkeit für das Schlagen meines Herzens. Das ist magisches Denken!"

    Ja, da hast Du vermutlich meinen Schwachpunkt aufgezeigt, denn ich setze beim Schreiben ein wenig voraus, daß man mich und mein Denken kennt. Nur dann kann man erahnen, daß mir der Gedanke eines Schenkers und eines Beschenkten vollkommen fremd ist und ich die Vokabel des Geschenks nur als lyrische "Figur" verwende, um meine Ehrfurcht und die Gesamtheit aller Unwahrscheinlichkeiten zu beschreiben. Das mag anmuten wie magisches Denken, ist es aber nicht. Danke für den Denkanstoß; ich gerate immer schnell an die Grenzen meiner Formulierkünste bei diesem Thema. :)

    "Dennoch lebe ich gerne. Trotz, nicht wegen der Beschaffenheit der Welt. Ich liebe das kleine, kurze, eine Leben, das ich habe, denn ich werde nie etwas anderes kennen und erleben und alles Streben nach Erkenntnis, alles mühsam erlangte und der Natur abgetrotzte Wissen ist keine Gebärde der Demut oder der Ehrfurcht vor dieser Welt, der wir etwa eine Befassung mit ihr schuldeten, sondern dient nur dazu, uns zu helfen, länger und besser in ihr auszuhalten. Um zu leben. Um frei zu sein. Um zu lieben."

    *Seufz... So sei es!

    Verfaßt habe ich diesen Beitrag, um einmal mehr zu zeigen, daß die Tristesse-Projektion in Anbetracht der glücklichen Umstände, die zu unserem Leben geführt haben, vollkommen und verlustfrei einer freudigen, ehrfürchtigen weichen kann.

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