Dienstag, 15. Februar 2011

Das Hirn angestochen

Ich schätze, das ist dem ein oder anderen Befürworter der Akupunktur passiert: die Nadel ging etwas zu tief, durchstieß die Schädeldecke und punktierte den Denkapparat. Anders kann ich mir diesen Schmu wirklich nicht erklären.
Zur Sache: Akupunktur ist eine auf der Yin-und-Yang-Lehre basierende Methode der traditionellen chinesischen Medizin (und ich hoffe, daß jeder, der sich dafür Geld aus den Taschen ziehen läßt, sich dessen bewußt und ein Unterstützer dieser Lehre ist), die besagt, daß die Lebensenergie Qi des Körpers auf Bahnen durch selbigen fließt, die sich Meridiane nennen und keinerlei (!) anatomische Korrelate besitzen. An den Punkten, an denen sie die Haut berühren, soll durch Nadelstiche, Massagedruck (Akupressur) oder Wärmeeinwirkung (Moxibustion) die Lebensenergie beeinflußt werden.
Nur nochmal fürs Protokoll - daran glauben diese Menschen!

Wer bei den Worten "Lebensenergie" und "Energiebahnen" (deren Verlauf natürlich frei erfunden ist) nicht schon längst dabei ist, sein Hirn durch einen Fleischwolf drehen zu wollen, der freue sich an der Information, daß Akupunktur-Befürworter immerhin von dieser Behandlung bei Krebs abraten. Aber nicht, weil es sowieso nichts bringt und die Behandlung mit richtigen Methoden hinauszögert, sondern weil es das Zellwachstum vermehren könnte... Autsch...
Selbiges gilt natürlich auch für Akupressur und Moxibustion.

Als uralte Alternativheilmethode in China über Jahrhunderte hinweg angewandt, ist sie dort aber längst nicht so sehr das Gelbe vom Ei gewesen, wie es Hanfhemden-tragende Alternativhippies gerne predigen. Nein, nein: Anfang des vergangenen Jahrhunderts wurde diese sogar verboten. Wikipedia weiß (Markierungen von mir):
Auch in der Volksrepublik China wurde die Akupunktur zunächst verboten, um die gewünschte Umorientierung des Gesundheitssystems in Richtung eines wissenschaftlichen Fundaments zu fördern. Jedoch gelangte die Kommunistische Partei Chinas bald zu der Auffassung, dass das Land zu wenige nach wissenschaftlichen Standards ausgebildete Mediziner besaß, die es allein medizinisch versorgen konnten. Daher wurden etwa 500.000 TCM-Praktizierende als sogenannte Barfußärzte ins staatliche Gesundheitssystem integriert, verbunden mit der Hoffnung, dass sie mit der Zeit immer stärker wissenschaftliche Arbeitsweisen übernehmen würden.
Das ist es also. Akupunktur als Notlösung, weil es sowieso nicht genügend richtige Mediziner gibt. Awesome! Jetzt verstehe ich natürlich total die Notwendigkeit davon, die Krankenkasse für sowas aufkommen zu lassen... nicht.
Werfen wir doch mal einen Blick auf die Wirksamkeit der Sache. Leider geben sich viele Ärzte, also Menschen, die ein sechsjähriges und weitgehend wissenschaftsorientiertes Studium hinter sich haben, wissen, wie der Körper funktioniert und was ihm warum hilft, für diesen Schwachsinn her; sie argumentieren gerne, daß die Wirksamkeit bei Knie-, Rücken- und Migräneschmerzen ja erwiesen sei. Dann kommt jedoch das große "Aber":
Allerdings wurde auch gezeigt, dass Scheinakupunktur, bei der irgendwohin gestochen wird, genauso wirksam ist wie eine nach traditionellen Regeln durchgeführte Akupunktur.
[...]

Da die von der traditionellen chinesischen Medizin angenommenen Wirkmechanismen nicht nachgewiesen werden können, diese sogar wissenschaftlichen Erkenntnissen über Funktion und Aufbau des menschlichen Körpers widersprechen, und sich auch kein anderer Wirkmechanismus stichhaltig nachweisen lässt, wird für die Wirksamkeit allgemein der Placebo-Effekt verantwortlich gemacht.
Sagt, mal wieder, Wikipedia.
Ein anderer wichtiger Punkt, der sich jedoch auf alle "alternativen", also die böse Schulmedizin verteufelnden Heilmethoden anwenden läßt, ist der Zeitaufwand, den diese mit sich bringen. Eine Akupunktursitzung allein dauert schon eine halbe Stunde, wohingegen ein Allgemeinmediziner pro Patient meist nur 10 Minuten aufbringen kann. Diese Zuwendung hat psychologische Wirkung und trägt sicherlich zum Wohlbefinden und der Compliance des Patienten bei, woraus sich eine die Heilung unterstützende Wirkung ableiten läßt.
Und es steht zu hoffen, daß selbst Akupunktur-Christa und Homöopathie-Jutta, wenn sie mal an nekrotisierender Fasziitis leiden, den garstigen Schulmediziner aufsuchen, nicht wahr?

Einen kleinen Aufreger habe ich noch: nicht nur, daß die Krankenkassen seit 2007 die wilde Voodoo-Stecherei aus den Beiträgen ihrer Mitglieder finanzieren, nein - selbst die WHO hat unglaublicherweise eine (nicht der Observation der Öffentlichkeit oder jeder Art von Review unterzogene) Indikationsliste für Akupunktur lanciert (man betrachte auch diesen Spaß hier), die unter anderem ernste Erkrankungen wie Magengeschwüre, Asthma oder Schlaganfallfolgen beinhaltet. Krankheiten, die in ihren Konsequenzen gravierend sein können und sicherlich der Aufsicht eines richtigen Arztes bedürfen. Patienten mit Rumgepiekse Hoffnung zu suggerieren zeugt nicht nur von Hirnabsenz, sondern ist hochgradig unethisches Handeln.
Man beachte auch die Vermutungen von Kritikern, die WHO-Spitze sei von Akupunktur-Fuzzis geführt/beeinflußt und instrumentalisiert worden. *

Zum Schluß noch der schöne Hinweis, daß Akupunktur neben einem Zeitvertreib für chronisch Gelangweilte und Nadelfanatiker sowie Einkommen für morallose Pseudomediziner noch viele andere lustige Dinge mit sich bringen kann, nämlich
- HIV- oder Hepatitisinfektionen durch nicht sterile Nadeln
- Hämatome
- Entzündungen
- Pneumothorax, Schwindel, Bewußtlosigkeit durch zu starke "Stimulation"
... und so weiter. Wer läßt sich auch freiwillig mit Nadeln massakrieren?
Leider doch ein paar mehr, als der auf Erden verteilte Verstand es vermuten lässt...

Um es nochmal in aller Deutlichkeit zu sagen: Akupunktur ist unwissenschaftlicher, nicht evidenzbasierter, aus Bildungsnot heraus entstandener und in die Hände von medizinfeindlichen Hippies importierter, teurer Schwachsinn, der Zeit, Geld und Ressourcen kostet und Betrug am Patienten ist. Jedem Patienten, der das ernsthaft in Betracht zieht, und jedem Arzt, der damit auch nur einen Cent verdient, sei folgendes nochmals vorgehalten:
Die bislang größte weltweite prospektive und randomisierte Untersuchung (gerac-Studien) kommt zum Schluss, dass die Wirksamkeit einer Akupunkturbehandlung nicht nachgewiesen werden konnte und dass die Akupunktur genauso wirksam sei wie eine Scheinbehandlung (Placebo).
 Also, Finger weg, zum richtigen Arzt und Zeit aufwenden. Also, sofern man wirklich gesund werden will...
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*) C. N. M. Renckens u. a.: Beware of quacks at the WHO: objecting to the WHO draft report on homeopathy In: Skeptical Inquirer Sept./Okt. 2005.

Kommentare:

  1. Anmerkungen:
    - unbedingte Lektüreempfehlung für alle an der Evidenzlage zu Alternativmedizin Interessierte "Trick or Treatment" von Singh/Ernst (Befürworter sollten schon mal eine Jumbo-Packung Kleenex bereitstellen)
    - Sie sagen "weitgehend wissenschaftsorientiertes Studium". Ich sage: :-D :-D - Gerade das in Deutschland im Medizinstudium völlig unzureichend ausgebildete kritische wissenschaftliche Denken, die kaum gelehrte Anwendung der wissenschaftlichen Methode und das seltenst geübte aktive Lesen wissenschaftlicher Originalarbeiten, um Daten aus erster (!) Hand selber bewerten zu können, sind m.E. die Gründe für die schauderhafte Anfälligkeit deutscher Ärzte für diesen ganzen abartigen Quatsch, egal ob Homöopathie, Akkupunktur, Chiropraktik, Osteopathie und wie diese Schamanenrotze sich sonst so schimpfen mag...

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  2. Ja, ich stimme Dir insofern zu, als daß tatsächlich die wissenschaftliche Methode und das skeptische Denken etc. kaum bis wenig gefördert und unterrichtet werden. Allerdings ist man gerade in der Vorklinik so nah an der Wissenschaft "dran", man bekommt so viele Fakten vorgesetzt über den menschlichen Körper, auf so vielen Ebenen und Spezialgebieten... man erlangt ein dem Stand der Wissenschaft entsprechendes Bild des Körpers und seiner Funktionen, dem man sich nicht entziehen kann und das es vollkommen (!) ausschließt, diesem ganzen Schwachsinn auch nur eine Sekunde lang Glauben zu schenken...

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  3. "und das es vollkommen (!) ausschließt"

    es müßte lauten : eigentlich ausschließen sollte, denn, wie bekannt und erwähnt, ist die traurige Realität eine gänzlich von der Sollte-Welt verschiedene.

    Aber gut, man kann den armen Studenten wohl so recht auch keinen Vorwurf machen, angesichts dessen:
    "Für Medizinstudenten sieht die neue Approbationsordnung die Homöopathie als Wahlpflichtfach vor."
    (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-75261496.html)

    Bin gespannt, wann wieder Aderlass, Säftelehre und Teufelsaustreibung gelehrt und geprüft wird...

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  4. Ein Fall für Captain Double-Facepalm!! Ooooh mein Gott! Arme, arme Welt!

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  5. http://kopfueber.files.wordpress.com/2010/02/facepalm_implied.jpg !!

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