Montag, 7. Februar 2011

Der Bahnschlaf und der Weihnachtsmann

Letzterer hat sich nur in die Überschrift geschmuggelt, weil er hier steht. Hier, im Zug: weißer Rauschebart und rote Jacke. Natürlich könnte es auch der liebe Gott mit roter Jacke sein, aber ihn zu fragen hielte ich für ein wenig indiskret. Zumal dann in jedem Falle seine Tarnung auffliegen und er quasi nackt vor allen Beteiligten stehen würde. Unabhängig von seiner tatsächlichen Identität ist er in der Bredouille: Immerzu wollen Menschen was von ihm. Mit der Antwort „Hohoho!“ und der damit einhergehenden Enttarnung hätte er sofort sämtliche Kinder am Hals, die sich hier im Zug befinden, und vielleicht noch ein paar Feengläubige. Offenbarte er sich der Allgemeinheit jedoch als der Allmächtige, so hätte er nebst Kindern, Feengläubigen und sonstigem Eso-Gevölk noch etwa alle anderen Menschen von sich fernzuhalten, die ihn vermutlich mit Bitten überschütten würden.
Stellt sich nun die Frage, ob man als hauptberuflicher Bittempfänger derart öffentlichen Raum überhaupt betreten sollte. Angreifbar ist man ja immer; wer schützt einen davor, nach seiner Identität befragt zu werden? Dazu muß nicht mal ein aufmüpfiger kleiner Bahnfahrer wie ich her. Es reicht, wenn der martialische Fahrkartenkontrollnazi plötzlich verstohlen und errötend verstummt,  nachdem Gott/der Weihnachtsmann ohne Fahrkarte erwischt wurde und zur Rechtfertigung seine Ausweisdokumente zückt. Eventuell wird dazu in meinem Kopf gleich eine kleine „Halleluja“-Weise erklingen, Moment… ja. Da ist sie. „D…d…da…das k-k-konnte ich ja nicht ahnen…“ Er ist jetzt ausgestiegen und er kann sich froh schätzen, daß es bedachte Bürger wie mich gibt, die ihn nicht gleich bloßstellen.

Nun aber zur Sache: es gibt ein Phänomen, das sich morgens in Gefährten des ÖPNV in allen Variationen beobachten läßt. Es ist peinlich, es ist unschön, und doch ist es nicht nur unumgänglich, sondern fordert sogar ein gewisses Maß an Verständnis mit ein. Ich spreche vom Bahnschlaf. Dabei gibt es weder Unterschiede in der Art des befahrenen Gefährtes (wenngleich Bahnschlaf in der weitestgehend ruckelfreien S-Bahn sicherlich besser funktioniert als im Schrottpisten-Bus, aber die Zahl der Schlafenden gleicht sich dennoch), noch in der Art der vom Schlaf Übermannten (durch alle sozialen und Altersschichten). Ja, wenn es eines gibt, was sie alle eint, dann ist dies, in einem sändmännisch-initiierten Akt der Fraternisierung, der Bahnschlaf. Die polierte Glatze ruht neben dem Maximalpigmentierten, der Sudoku-lösende Yuppie trompetet sein neureiches Schnarchen in die Luft, die er sich mit Jute-statt-Plastik-Jutta und Bernd (einfach Bernd) (beide schlafend) teilt.
Dabei zeigen sich verschiedenste Ausprägungen. Vom gelegentlichen und schlecht versteckten Augenzufallen bis hin zum schambefreiten Der-Bahn-Abringen-was-das-Bett-nicht-mehr-bereitzustellen-vermochte. Ästhetisch ist es selten, und nur mit eiserner Selbstbeherrschung läßt es sich umgehen.
Ich persönlich erwische mich von Zeit zu Zeit auch bei der Ausübung des Bahnschlafs. Ich versuche natürlich nach Leibeskräften, dabei nach einer lovely lady auszusehen, deren Träume sich sanft in das Reich immergrüner und schwingungsreicher Wohlklänge poetisieren, doch ich fürchte, meist schaffe ich das nicht und ende, den Mund leicht geöffnet und mit karpfengleicher Eleganz, in den Gefilden ordinärer Bahnschläfer. Bin ich aber nicht damit beschäftigt, meine Augenlider im Kampf gegen die Gravitation anzuführen, so amüsiere ich mich genüßlich und als sei ich nie Opfer solcher Verfehlungen über Sandmännleins Opfer. Ich denke mir dann, in gespielter Überheblichkeit, Dinge wie „Hach, was müßen diese armen Menschlein wohl durchleiden; haben sie nach all den Jahren immernoch nicht gelernt, ihre zirkadianen Rhythmen dem Weltengeschehen anzupassen? Ha. Ein Glück, daß ich vor derlei Fehlschlägen in der Lebensplanung gefeit bin!“

Das ist meine erste kleine Freude des Tages. Weitere wären zum Beispiel ein gutes Glas Wasser ohne Kalk, ein Telefonat mit einem mir lieben Menschen und die kleine (1) hinter „Posteingang“ in meinem Postfach. Natürlich nur, wenn es sich dabei um erfreuliche Post handelt. Ich finde es regelrecht unverschämt, daß mir Sexy Pauletta immer Kraft für meinen Penis verkaufen möchte. Ich besitze doch gar keinen! Ich könnte die dort angepriesenen Mittelchen sicher verzehren, aber welchen konkreten Nutzen hat das für mich? Ich verzichte hier bewußt auf irgendwelche schlechten Stehkraft- und Durchhaltevermögen-Witze und möchte auch keine hören. Wenn das so weitergeht, bekommen Pauletta, Lucy und Nastassja bald mal eine unfreundliche Antwort-Email. Ich werde dort schonungslos offenbaren, daß Penisprodukte Nicht-Penisträgern nichts bringen, und daß man diese knallharten Fakten wohl akzeptieren muß. Ich versuche ja auch nicht, mir das Nashorn (also, das Nashorn-Nas-Horn) abzuschleifen, denn auch hier gilt: ich habe gar keines. Allerdings wüßte ich auch nicht, wieso ich es mir abschleifen sollte, wenn ich eines hätte. Vielleicht wollte ich eine kleine Rolls-Royce-Statue auf der Nase haben, oder einen Gorgoyle.
Sicherlich würde das meine Feinde, derer es nicht wenige gibt, verschrecken und verstören und sie vor eventuellen Kampfhandlungen zurückhalten. Mehr noch als ein ordinäres Horn! Das ist ein bißchen so, als stünde man vor primitiven Urzeit-Höhlenmenschen. Zeigte man ihnen eine Speerspitze, wären sie kampfbereit; zeigte man ihnen hingegen einen mp3-Player mit leuchtendem Display, würden sie vermutlich den Rückzug antreten.
Der Plan könnte also aufgehen.

Auch schön sind die „Ich schau Dir in die Augen, sieh Du tief in meinen Schlund“-Gähner in der Bahn. Sie freuen sich des Lebens und sind von jeder Art der Scham oder gar des Anstands befreit. Ich finde nicht, daß ich so tief in die Privatsphäre eines Menschen eindringen muß, daß ich seine Uvula sehe; das geht mich in etwa so viel an wie der Cashflow in Litauen oder der Genitalpilz einer 64jährigen Nonne aus Guatemala. Ich denke, daß besagte Zäpfchen um sich ein Feld aus dunkler Materie scharen. Der kluge Leser hat nämlich schon längst eingeworfen, daß ich da ja nicht hingucken müße. Die überraschende Antwort lautet – doch! Ich muß, denn die dunkle Materie zieht sogar meinen Blick an, richtet meine Augäpfel so aus, daß sie mich zum Zeugen dieses schrecklichen, schrecklichen Schauspiels machen müßen. Ich glaube, das ist der Grund, aus dem gemeinhin beim öffentlichen Gähnen die Hand vor den Mund gehalten wird. Man will ja nicht alles an Blicken und Materie und Käsesteak (na gut, vielleicht doch) in sich hineinsaugen. Ob die sich an die Hand anschmiegende Rest-Dunkelmaterie nicht vielleicht der heimliche Verursacher des Brauchs namens „Küß die Hoand“ ist, muß im Zusammenhang damit noch erforscht werden.

Ich jedenfalls bin dem Bahnschlaf geschickt durch ein Traktat über selbigen entgangen!
Haha! Und schon haben wir der DB mal wieder ein Schnippchen geschlafen… äh… geschlagen… verdammt, das war ein tatsächlicher Verschreiber und ich fürchte, er will mir sagen, daß ich müde bin…

1 Kommentar:

  1. also, da die einzige Entschuldigung für den lieben Gott ist, daß es ihn nicht gibt, würde ich, wenn ich ihn in der Bahn träfe, ihm erstmal volle Kanne in die Eier treten!

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