Montag, 21. Februar 2011

Die Sterne vom Himmel...

... und die letzten Münzen aus dem Portemonnaie holen; zumindest eines von beiden können die Menschen, die sich als professionelle Astrologen versuchen und damit schon seit Äonen Menschen hinters Sternenlicht führen wollen. Sie wissen nicht nur um die Zukunft, sondern auch um die Beschaffenheit der Persönlichkeit ihrer Klienten. Nur fürs Protokoll: es gibt Menschen (und zwar nicht allzu wenige), die glauben, daß die Verteilung des Lichts (das Himmelskörper ausgesendet haben und das erst Jahrtausende und Jahrmillionen später auf der Erde ankommt) am Firmament irgendwas darüber aussagt, wie ich mich heute und morgen verhalten werde. Massereiche Körper, die sich vor Ewigkeiten gebildet haben und den Naturgesetzen gemäß entwickelt und verteilt haben sollen also einen Einfluss darauf haben, was für ein Mensch ich bin. Nicht etwa mein Umfeld, meine Sozialisation oder gar genetische Prädisposition, und auch nicht mein freier Wille, nein, nein... die zusammenphantasierten Verbindungslinien zwischen Sternen, die in antiken Köpfen Bilder ergeben haben, und deren Position zum Zeitpunkt meiner Geburt sind dafür verantwortlich.

Ein weiterer Grund, wieso alles in mir "Epic Fail" schreit: die "klassische Astrologie" kennt nur sieben "Gestirne" und entstand überdies in einer Zeit, in der man gemeinhin annahm, die Erde sei das Zentrum der Welt. Sie ging also auch auf astronomischer Ebene von vollkommen falschen Grundgegebenheiten aus, aber das ist ja... äh... vernachlässigbar, nicht wahr? Was passiert eigentlich, wenn sich die Gerüchte um den neu gefundenen Planeten Tyche bewahrheiten? Dann müßten die Horoskope ja eigentlich grundlegend überarbeitet werden; und so war es dann vermutlich auch beim Auftauchen und Verschwinden von Pluto, n'est-ce pas? Was ist mit den anderen Planetoiden am äußeren Rand des Sonnensystems - wieso spielen die keine Rolle, wenn es um mein Wohl geht?
Und auch nicht zu vernachlässigen ist die Frage, wieso denn vollkommen unterschiedliche Klassen von Himmelskörpern in eine Kategorie gepackt werden? Die sieben Gestirne sind Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn (Planeten, von denen ja doch der ein oder andere fehlt), die Sonne (Stern) und der Mond (Erdtrabant; und Monde gibt es ja nun wirklich viele in unserem Sonnensystem!). Ob Steinhaufen oder kosmischer Fusionsreaktor, ob sie das Licht, das wir sehen, selbst produzieren oder nur reflektieren, sie alle wirken gleichermaßen auf meine Psyche und mein Schicksal. Anscheinend.

Als nächstes interessiert mich folgendes: ich bin am 4.12. geboren, aber ich war ein "Spätchen". Mein Sternzeichen ist also der "Schütze". Dieser wird charakterisiert als Umgetriebener, Wahrheitsuchender, als Idealist und Abenteurer. Er ist energiegeladen, progressiv, strebt nach Weisheit und ist loyal. Ein "Feuerzeichen". Also durch und durch positiv und konstruktiv.
Nun war mein ursprünglich errechneter Geburtstermin aber der 20. November, und demnach wäre ich eigentlich ein Skorpion, der sich als nach Macht strebender und vom "Herrscherplaneten Pluto" (Black Hole Fail. Klingt Herrscherplanetoid nicht ein bißchen gay?) und damit dem Hades gelenkter Geheimnisvoller darstellt. Neben seinem Allmachtsanspruch ist er übrigens ein sehr zartes und gefühlsbetontes Wesen. Natürlich. Skorpion ist ein "Wasserzeichen".
Was denn nun? Oder wie ist es denn, wenn ein Kind früher geholt werden muß, weil die Mutter irgendwas anstellt, was zu Komplikationen führt? Der Termin differiert ja dann von dem von den Sternen vorgesehenen. Weil die Mutter eingegriffen hat, und nicht die Sterne. Ändert sich dann trotzdem das Wesen des Kindes? Auch, wenn es zu einem, in Sachen Zeitpunkt ja in gewissen Teilen der Willkür der Ärzte unterliegenden Kaiserschnitt kommt?

Natürlich möchte ich hier noch addieren, was mein chinesisches Horoskop sagt: ich bin ein Feuer-Hase. Dazu mußte ich meine Geburtsuhrzeit angeben, denn mein Stundenzeichen ist der Hund. Wäre ich zwei Minuten später geboren, wäre es das Schwein. Ein Blick auf mein Tageshoroskop verrät, daß ich, wäre ich tatsächlich 2 min später geboren, heute einen viel besseren Tag (mit Glück in der Liebe und im Beruf) gehabt hätte. Auch gesundheitlich wäre ich um einiges besser dran. Verdammt!
(Während der Schütze übrigens ein leidenschaftlicher Liebhaber ist, bleibt der Hase auch gerne mal sein ganzes Leben lang alleine und ist eher der ruhige, zurückgezogene Typ. Außerdem mag er keine Armut! Ich bin definitiv ein Hase! ...)

Auch schön finde ich, daß Neuberechnungen aufgrund der Präzession der Erde zu der Erkenntnis geführt haben, daß die Sternzeichen generell um eines verschoben sind. Ich wäre demnach tatsächlich ein Skorpion und jeder Stier wäre beispielsweise ein Widder. Stiere sind und wirken sexy, hingebungsvoll, besitzergreifend und entflammbar für andere; Widder sind und wirken unterkühlt und entrückt. Dödööö.
Insbesondere in Anbetracht der Tatsache, daß jede vom Leben enttäuschte, dicke Mittfünfzigerin mit starkem Interesse an Astrologie darauf schwört, daß ihr Sternzeichen zu ihr passe. Für dieses Klientel hier übrigens der Beleg, daß dem nicht so ist. Auch Richard Dawkins weiß das schön zu entkräften: ein Video dazu.

Zum Schluß noch ein kleiner Aufreger: ich mußte soeben den Begriff der Kosmobiologie entdecken, der sich wie folgt definiert und von mir nur mit einem weiteren Kopfschütteln und nicht mit weiteren Worten bedacht wird:
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchte unter dem Namen Kosmobiologie die Richtung einer „naturwissenschaftlichen und angewandten medizinischen Astrologie“ auf. In Abgrenzung zur klassischen Astrologie wurde definiert, Kosmobiologie berücksichtige Vererbung, Boden, Milieu; betone das Moralische und behaupte nicht, die Zukunft deuten zu können.
Aaaarrrggggh!
Wer auch immer vom Schicksal gebeutelten und in solchen Sphären Rat suchenden Menschen oder naiven Ommas mit solch einer Scheiße das Geld aus der Tasche zieht, oder seine Kinder sogar mit astrologischer Psychologie quält, ist moralisch auf demselben fürchterlichen Level wie Heilpraktiker, Homöopathen und sonstige Quacksalber und Betrüger. Widerlich.

Anm. 1: Weitere Informationen darüber hier - klicken, bitte. Und hier auch.
Anm. 2: Ich lese gerade, daß weitere Planeten bei Entdeckung auch mit eingeflossen sind in diese Leere Lehre. Natürlich hatten sie maßgeblichen Einfluß auf die Erfindungen, die im Jahr ihrer Entdeckung gemacht wurden. Wie sehr kann mein Hirn noch weh tun?
Anm. 3: Nicht unerwähnt bleiben darf natürlich, daß das hier nicht zum Spaß steht. Astronomie als Lebensberater ist schon so weit verbreitet, daß kaum eine Zeitschrift oder Zeitung ohne zumindest ein wöchentliches Horoskop auskommt. Dafür wird nicht nur Geld herausgeschmissen, es fördert auch auf unschöne Art und Weise stereotypisierendes und unskeptisches, irrationales Denken und unterwandert damit großflächig diese unsere Gesellschaft!


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