Dienstag, 8. Februar 2011

Was sind die Alternativen?

Wir haben die Wahl. Jeden Tag aufs Neue. In jedem einzelnen Moment können wir die Segel neu setzen und eine neue Epoche einläuten. Wir entscheiden uns, mit dem Rauchen aufzuhören, eine Beziehung einzugehen, einen Text zu schreiben – weil wir das „Für“ und das „Wider“ abwägen und uns fragen, was unsere Alternativen sind. Dazu müßen wir sie jedoch gut kennen, und damit möchte ich mal eine andere Herangehensweise an ein Thema wagen, das mir sehr am Herzen liegt: Religiosität und Glaube.

So, wie ich das sehe, gibt es zwei Verfahren: ich kann Euch sagen, was gefährlich und schlecht, was widersinnig und demütigend, was geißelnd und zerstörerisch ist am Konzept Religion, was am Glauben keinen Sinn ergibt in meinen Augen, ich kann warnen; das wäre ein destruktiver Weg, den ich ebenso gerne beschreite und der sicherlich sein muß.
Aber viel schöner hat sich mittlerweile für mich ein zweiter Weg herauskristallisiert. Ich kann versuchen, zu zeigen, was am Leben als nicht religiöser Mensch wunderschön und erfüllend ist, und erhabener als es ein Leben als Gläubige für mich je sein könnte. Ich kann die Alternativen zu einem gläubigen Leben aufzählen und erklären, wieso sie erstrebenswert sind. Das möchte ich hier versuchen. Natürlich kann ich das nur anreißen, denn damit füllen Menschen Bücher, die das sicher besser können als ich. Aber hier, von gewöhnlichem kleinem Menschen an gewöhnliche kleine Menschen, hier hat das etwas Intimes und Aufrichtiges.
Religionen jedweder Art nutzen diese Art des Aufzeigens von Alternativen auch; allerdings beleuchten sie nicht die diesseitigen Pros des gläubigen Daseins, sondern die infernalen Folgen eines halt- und gottlosen Lebens. Damit werden viele junge ‚Seelen’ infiltriert und nachhaltig geschädigt. Menschen erleiden ernsthafte psychische Schäden, wenn sie in die Gottlosigkeit fallen, aus welchen Gründen auch immer. Sie haben kein Rüstzeug, sie kennen keine Alternativen (außer der ewigen Verdammnis) – wie menschenverachtend einmal mehr der Wohltäter „Religion“ sein kann.
Im Folgenden möchte ich ein wenig des Rüstzeug anführen, das ich mir im Laufe der Jahre zurechtgelegt habe.

Die Wissbegierde und die Ehrfurcht. Das Universum ist groß, kalt, gottlos und leer. In seinen Dimensionen unvorstellbar, in seiner Leere ängstigend, und doch so voller Schönheit. Ich kann annehmen, daß ein Schöpfer dasaß und mich aus Staub und Dreck, aus Rippen und Lenden geformt hat und in dieser Welt absetzte. Dann kann ich das ganz nett von ihm finden und mich als seinen kleinen Zeitvertreib betrachten. Ich kann aber auch annehmen, daß ein unbeschreiblicher Vorgang vor 14 Mrd Jahren ein Teilchenungleichgewicht hervorbrachte, das unser Universum erschuf. Ein Zufall; Naturgesetzen folgend. Teilchen schwirrten umeinander, Sterne formten sich und vergingen, Elemente entstanden, ein riesiger Zirkus des Chaos und des Zufalls. Die Erde entstand und war zufällig mit den für Leben essentiellen Konditionen ausgestattet, und dieses entwickelte sich, und entwickelte sich weiter, unfaßbaren Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz; bis zu dem Punkt, an dem meine Eltern, zwei Organismen aus unzähligen Zellen, die in ihrem Innersten je die Hälfte der mich ausmachenden Informationen tragen, sich fanden und mich zeugten. Und siehe da: ich lebe! Und ich kann garnicht sagen, an wie vielen makroskopischen, mikroskopischen, biochemischen, teilchenphysikalischen etc. Fäden mein Leben hängt, aber ich lebe, und das auf eine stabile Art und Weise. Nur als nicht gläubiger Mensch kann ich mir dieses unendlichen Glücks bewußt werden. Wie viele Zufälle wurden durch die Weiten des Alls und des Mikrokosmos jongliert, damit ich hier sitzen und das hier tippen kann? Dieses Glück, diese Dankbarkeit dem Weltenlauf gegenüber kann ich nur spüren, wenn ich nicht davon ausgehe, daß ein rauschebärtiger Greis das alles in einer Weinlaune zusammenphantasiert hat. Die Schönheit der Welt erscheint nur noch beeindruckender, wenn ich weiß, daß auch sie ein Produkt unwahrscheinlichster Zufälle ist – und doch ist sie, und sie ist großartig. Das ist Ehrfurcht. Ehrfurcht, die vor niemandem in Demut auf die Knie gehen muß. Glück, dieses Leben leben zu können.
Und nicht nur das: Evolution sei Dank; wir sind an einem Punkt, an dem wir all das nicht nur sehen, sondern auch erforschen können. Wir können wissbegierig und frei sein, wir können fragen und unsere Antworten suchen, wir können verstehen und enträtseln, und doch so viele neue Fragen aufwerfen. Wo Religion vorgibt, daß das Ende aller Fragen Gott, das Ende aller Gedanken Andacht sei, da kann unsereiner einfach weiterfragen. Es gibt kein limitierendes, göttliches „Ist einfach so“, kein „Die Wege des Herrn sind unergründlich“ – wir können erfahren, weiterfragen und noch viel mehr von dieser Ehrfurcht, von diesem Glück, hier zu sein, in uns aufsaugen und unseren uns doch so dringlich innewohnenden und zehrenden Wissensdurst zu stillen versuchen.

Der freie Wille und unsere Lebensaufgaben. Eine Gottheit lenkt – sie lenkt den Lauf der Dinge und sie lenkt mein Gehirn, sie limitiert meinen Geist mit Vorschriften und Marionettenfäden. Ja, Gott scheint ein machtgeiler Narziß zu sein. Wie kann ich auch nur eine Sekunde glücklich sein mit dem Gedanken, daß er mein Denken und Tun vorausbestimmt? Wie wertvoll ist eine Leistung, eine Entscheidung noch, wenn ich in der letzten Instanz nicht dafür verantwortlich bin? Ich kann, als Nichtgläubiger, die Fäden durchtrennen und auf eigenen Beinen laufen. Nun, was erscheint wertvoller: jemanden lieben, weil es mir vorausbestimmt ist, oder – sich ‚entscheiden’, jemanden zu lieben; mit jeder Faser seines Wesens zu sehen, wie wertvoll ein Mensch ist und deswegen eigenverantwortlich Kopf und Herz entscheiden zu lassen, daß dies der Mensch sei, der Mensch schlechthin? Weil alles Positive in ihm strahlt und fesselt? Und was erscheint stärker: eine Krise zu überwinden, weil Gott einen trägt, oder alle eigenen Kraftreserven zu aktivieren und sich aus Leibeskräften herauswinden aus dem Tal, dafür kein Entgelt in Form von Glaubensgaben entrichten zu müßen? Was ist wichtiger – Dinge zu leisten, weil Gott einen unterstützt, oder eine Lebensaufgabe erfüllen, die man sich selbst komplett frei und mit allen Möglichkeiten setzt, aus eigener Kraft, aus eigenem Willen, aus eigenen Idealen heraus und mit allen Mitteln, die man als Mensch in dieser Welt, in diesem Universum aufbringen kann?

Die Moral. In einer von Gott geprägten Welt werde ich nur das tun, was Gott für erstrebenswert hält und die Dinge sein lassen, die er nicht so gut findet. Für Gläubige definiert sich ihr moralisches Empfinden über ihren Glauben. Das ist nicht nur bedenklich, es widerspricht auch jeder Idee des freien Willens. Nur gottlos kann ich stark genug sein, mein eigenes Unrechtsbewußtsein aus dem heraus zu bilden, was ich empfinde, was die Welt bereithält, was ich erfahre und wie ich es bewerte. Ich kann aufrichtiger als jeder Gläubige aus mir selbst heraus anderen Gutes tun und die Welt verbessern wollen – weil ich es will, und nicht der Herr dort oben. Ich kann Schlechtes unterlassen, weil es Schaden anrichtet, und nicht nur, weil es mir von höherer Instanz verboten wurde. Wie viel edler das doch ist!

Die Endlichkeit. Nicht nur, daß ich als Nichtgläubiger keine Angst davor haben muß, in der ewigen Verdammnis zu landen, ich muß auch keine Angst vor der Ewigkeit haben. Ach, wie gut kann ich die Angst vor dem großen Nichts, vor der Minimierung aller Möglichkeiten verstehen… aber noch viel besser verstehen kann ich Folgendes: Nur, wenn der Weg begrenzt ist, können wir ihn vollständig beschreiten. Worin liegt mein Reiz im Leben, wenn ich weiß, daß sowieso alles vor sich hinplätschert – für immer? Egal, was ich tue, jeder Moment läßt sich beliebig oft reproduzieren und verliert, so ganz ohne Bedingungen, jedes Besondere. Natürlich wäre es wundervoll, all die Verlorenen wiedersehen zu können, aber nur in der Endlichkeit können wir es in der Konsequenz schaffen, jeden Moment mit jedem geliebten Menschen umso mehr zu schätzen, vielleicht sogar zu heiligen. Das oben angesprochene unschätzbare Glück für einen Moment zu fassen zu suchen. Wir kommen aus der Leere und wandern in sie zurück, aber dazwischen können wir so viel Leben, Erleben, Empfinden sammeln, wie in unser Leben paßt. Keine Sekunde darf verloren gehen – tut es aber so oft im monotonen Geplätscher der Ewigkeit… Was wir erleben, strebt auf unser Innerstes zu, auf ultimatives Empfinden, und dies ist nunmal durch den Tod bedingt und limitiert. Schärfe Deinen Blick.
Es gibt nur einen Weg, diesem verstörenden Ewigkeitsgedanken zu entrinnen und trotzdem zu bestehen. To leave one’s mark. Aus eigenem Antrieb und mit allem freien Willen.

Ich hoffe, ich habe in diesem kurzen Anriss wenigstens ein bißchen begreiflich machen können, welch unendliche Schönheit in einem gottlosen Dasein liegen kann. Daß es nicht kalt, hoffnungslos und traurig ist. Es erfordert Mut, ja. Aber daß dieser sich lohnt, spüre ich jeden Tag wieder: wenn ich an einem See stehe, die Vögel vorüberziehen und den Mond in der Ferne stehen sehe, mich in Ehrfurcht verliere über die Unwahrscheinlichkeiten, über die Zufälle, über die Schönheit und das tiefe Glück, das ich habe, jetzt hier zu sein. Das zu sehen, zu erleben, zu verstehen, zu genießen. Und daß mich das auch in schwersten Zeiten immer begleiten und erleuchten wird.

“We are going to die, and that makes us the lucky ones. Most people are never going to die because they are never going to be born. The potential people who could have been here in my place but who will in fact never see the light of day outnumber the sand grains of Sahara. Certainly those unborn ghosts include greater poets than Keats, scientists greater than Newton. We know this because the set of possible people allowed by our DNA so massively exceeds the set of actual people. In the teeth of these stupefying odds it is you and I, in our ordinariness, that are here. We privileged few, who won the lottery of birth against all odds, how dare we whine at our inevitable return to that prior state from which the vast majority have never stirred..."
   - Richard Dawkins

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Kommentare:

  1. sehr schön.
    Und falls sich wer nicht mehr auskennt:
    http://students.ou.edu/M/Danny.E.Mattox-1/pictures/you_are_here_galaxy.jpg

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  2. und an diejenigen, die nun argumentieren könnten, daß ihnen ihre jeweilige Gottheit sehr wohl einen freien Willen zugestehe (ein "Kunstgriff", den sich die Religionsstifter ausdenken mußten, um an der Theodizee vorbeizukommen): dieses Szenario birgt ebenfalls arge Probleme.
    Denn: ist ein Wille überhaupt frei, wenn er mir nur zugebilligt ist, wenn es also in der Macht eines anderen Wesens liegt, ihn mir zu nehmen oder unfrei sein zu lassen?
    Wenn der Wille aber tatsächlich frei ist und mir von nichts und niemand genommen werden kann, so kann es auch kein allmächtiges Wesen geben, denn in seiner Allmacht müßte es auch das vermögen.
    (weitere Probleme mit dem freien Willen werden hier erörtert, wen's interessiert http://numberoneblack.blogspot.com/2010/09/des-werwolfs-neue-kleider.html)

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  3. In der Tat. Ist ein bißchen wie der Mauer-Gedanke: Kann ein allmächtiger Gott eine Mauer bauen, die so hoch ist, daß selbst er sie nicht überwinden kann? Wenn ja, endet seine Allmacht am Kletterversuch; wenn nein, endet seine Allmacht am Bauversuch. Wir Fachleute sagen dazu "Dödööö!"

    P.S.: Natürlich hatte ich mir auch überlegt, das Galaxienbild da noch reinzusetzen, nun hast Du es mir abgenommen, muy bien :)

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