Donnerstag, 31. März 2011

Nächtlicher Versuch des Gedanken-Ordnens: Es ist wahr.

Können wir eine solche Aussage überhaupt treffen? Ich verfolge dieser Tage die Debatte im Kommentarthread eines ScienceBlogs-Eintrags und drehe mich gedanklich nun permanent um dieses Thema. Bei der Frage nach „Glauben oder Nichtglauben“ und in Anbetracht der Tatsache, daß die leider (?) völlig unzureichende Beweislage für die Existenz einer supernatürlichen Macht den Autor eher zu einem „Nichtglauben“ tendieren läßt, schlagen die Gemüter Wellen. Die wissenschaftliche Methode lasse vernünftigerweise nur den Schluß auf die gottfreie Wirklichkeit zu. Weiteres ist im Artikel selbst zu lesen.
Im Kommentarboard jedoch machen sich nun Menschen mit philosophischen (?) Argumenten breit: daß das Wesen der Wahrheit ja gar nicht so einfach zu erfassen sei, Empirie und das tatsächliche „Sein“ hätten ja nur bedingt miteinander zu tun. Es haben sich schon ein paar Menschen mit Phänomenologie und Ontologie beschäftigt, und ich frage mich nun natürlich, wie sich für mich all diese Ideen und Konzepte schlüssig vereinbaren lassen.

Wir können zunächst mal zwei Beispiele herausgreifen. Man könnte es mit Kant halten, der da unterscheidet zwischen der Welt des Scheins und derjenigen der Dinge an sich; der also meint, jede Erscheinung habe in letzterer seine wahrhaftige Manifestation; imponiere lediglich in der Welt der Erscheinungen – und zwar für jeden anders. Ihr Kern aber, ihr wahres Wesen, existiere fernab davon. (Der Mensch nimmt als Bewohner beider Welten eine Sonderrolle ein, auf die hier aber nicht weiter eingegangen werden muß und wird)
Auch Herr Sartre hatte eine Idee dazu. Für ihn ist die „Realität“, die Wahrhaftigkeit, das wahre Wesen einer Sache die Summe aus all ihren Erscheinungen; jede ihrer Facetten ist ein weiterer Teil der Wahrheit – jede Erscheinung macht die Wahrheit aus und verweist nicht nur auf sie, wie bei Kant.
Ich denke, wir können uns darauf einigen, daß mit Sinnen wahrgenommene und kontemplierte Schein tatsächlich für jeden anders sein muß. Beispielsweise sieht ein Adler viel höher aufgelöst als ich, und ich wiederum sehe besser als eine Biene. Dennoch nehmen wir die Welt wahr, nur auf vollkommen unterschiedliche Art und Weise. Obwohl es doch dieselbe ist.
Damit kommen wir aber sehr schnell zum ersten Punkt. Es ist nämlich vollkommen unerheblich, ob man ein „absolutistisches Wahrheitsmodell“ an den Tag legt, oder nicht. Die Tatsache, daß hier der Wahrheitsbegriff durch die verschiedenen Wahrnehmungen verzerrt wird, verblaßt argumentativ nämlich vor dem Hintergrund, daß – obwohl drei verschiedene Augen das gelbe Licht der Blüte jeweils anders wahrnehmen - die Wellenlänge des von der Blüte reflektierten Lichts immer 575 bis 585 Nanometer beträgt. Das ist greifbar; es ist meßbar. Dieser Aspekt der Realität ist über Zweifel erhaben (natürlich ist jedes Wissen ein "provisorisches", bis evtl. neue Evidenz vorliegt, aber der Sparsamkeit halber nehmen wir es als wahr an!), unterliegt nicht der Spekulation und ist damit eine Sache, mit der wir arbeiten können. Wir können Voraussagen treffen, sie überprüfen und sie können sich als wahr herausstellen. Wir können sie belegen und mit Evidenz versehen.
Wir erstellen hier ein binäres System - beträgt die Wellenlänge für gelbes Licht 575nm? Ja oder nein? - in dem es keinen Platz für Schwammigkeiten gibt. Ja? 1. Nein? 0. Keine 0,736, die Platz für Metaphysisches ließe. Daran ändert auch pseudo-erkenntnistheoretisches Herumgeschwurbel nichts.
So gut es nach Heisenberg geht, sind Messungen durch Sinne, die letztlich unsere Erscheinungen determinieren, unbestechlich – und darauf müßen wir uns verlassen, wenn wir eine Realität beschreiben wollen. Sonst können wir es gleich sein lassen und rosa Einhörner preisen.

Auch die Tatsache, daß wir Teil des zu beschreibenden Systems sind, ändert nichts daran, daß beispielsweise 1+1 = 2 ergibt. Oder eine Katze mit 25 Hertz schnurrt. Was von Sinneswahrnehmung völlig unabhängig ist und damit einer Kant’schen Welt der Dinge an sich schon recht nah kommt. Genauso gut aber auch nur eine von Sartres weiteren Realitätsfacetten sein kann. Aber wir sehen: es ist vollkommen irrelevant, vor allem für die Gottesfrage. Es ist schlichtweg das einzige, worauf wir uns alle einigen können sollten, folgten wir unserer Vernunft.

Was die Menschen, welche mit der Frage nach der tatsächlichen Wirklichkeit und ihrem Schluß, es gebe sie nicht, stellen, nicht sehen, ist Folgendes: die Tatsache, daß Wahrnehmungen, die einer Wahrheit vielleicht (oder auch nicht) viele Facetten verleihen, voneinander differieren, bedeutet nicht, daß die Größe, die all dem vernünftigerweise zugrunde liegt, nämlich die messbare, mit ins Königreich „Schwurbelistan am Kryptistrom“ mitgenommen werden kann. Sie bedeutet auch nicht, daß das Fehlen einer einheitlichen Wahrnehmung in die Annahme einer Gottheit münden muß – ja, diese auch nur einen Deut wahrscheinlicher macht.

Denn dann müßte sie mit exakt derselben Wahrscheinlichkeit bedeuten, daß es Einhörner, Elfen, aus dem Nichts entstandene Napoleonbüsten, die zu sprechen und Omelette zu braten beginnen und dergleichen mehr geben kann. Und daß dies ernstlich in Betracht zu ziehen ist.

Ja, man kann hier auch noch ganz andere Ideen postulieren, aufgrund der Tatsache, daß wir „im System“ sind. Ich las vom Beispiel, daß zwei Kameras in einer zweidimensionalen Welt auf je eine Seite eines Aquariums mit nur einem Fisch gerichtet seien, und daß die Auswerter der Videos zum Schluß kämen, daß sich die zwei Fische, die sie in den beiden Videos sehen, miteinander verbunden sein müßten, da sie sich zur selben Zeit exakt gleich bewegen. In Wirklichkeit sei es ja aber „ein Fisch“. Genauso müße man davon ausgehen, daß zwei sich ähnlich verhaltende Menschen in einem höherdimensionalen Raum vielleicht gar nur eine Person seien. Auf diese Weise kann man die messbare Realität natürlich schön zerpflücken; à la „Die Ameise in der Schachtel weiß auch nicht, was außen ist“. Wir können sogar so weit gehen und es mit Descartes „Cogito ergo sum“-Solipsismus halten. Aber, wie gesagt, die Vielzahl der Möglichkeiten bedeutet erstens noch lange nicht Gott, und zweitens ist sie, Ockham bzw. Courts zufolge, auf das Einfachste, da Wahrscheinlichste, zu reduzieren. Und dafür brauchen wir Daten, Belege, Meßbares, Voraussagen, Verifizierungen, Evidenz.

Hier las ich den Einwand, daß man ja nur finde, was man explizit suche, und sich deswegen auf dem Irrweg befinden könne. Aber erstens gibt es mehr als genug Beispiele dafür, daß gefunden wurde, was nicht gesucht worden war (zum Beispiel die Entdeckung der Radioaktivität durch Becquerel) – und zweitens gibt es auch mehr als genug Menschen, die versuchen, Belege für die Existenz Gottes zu finden. Also das Unwahrscheinliche. Sie scheitern übrigens.

Die Motivation dieser Kritiker ist mir vollkommen klar. Es ist, wie bei allen anderen Nicht-Ausschließern des Supernatürlichen eine existenzielle Angst und der Funke Hoffnung, daß wir etwas anderes sind als Biomasse, die, sich ausnahmsweise ihrer selbst bewußt, durch ein trostloses und leeres Universum rauscht, nichts bedeutet, nicht erhaben ist und nur ist, um wieder zu vergehen. Daß es einen Sinn gibt in all dem Darben und der Ungerechtigkeit, daß wir doch noch ewig leben können, daß Verluste nicht endgültig sind und wir nicht nur Staubkörner in einem uns keine Beachtung schenkenden, schwarzen All. Es ist nicht der erkenntnistheoretische Ehrgeiz – es ist eine Angst, die mein Mitgefühl nährt und die auch ich kenne. In einem anderen Post jedoch habe ich schon mal die positiven Aspekte des gottlosen Lebens, die sich dem entgegensetzen, beschrieben, sodaß ich das an dieser Stelle nicht wiederhole.

Nur so viel sei gesagt: natürlich kann ich nicht wissen, daß es keinen Gott gibt. Ich halte es nur für sehr, sehr, sehr unwahrscheinlich. Das legt die Vernunft nahe. Denn es gibt eine Beleg-Bringschuld für denjenigen, der die Existenz einer solchen Entität postuliert, und diese ist seit Jahrtausenden unerfüllt.
Wohingegen die Gründe für die Erfindung eines solchen Wesens, also seiner Beschaffenheit als Illusion und Fiktion, sehr offensichtlich sind. Menschen glauben, um Trost zu erfahren. Sie glauben an einen Vater, der Geborgenheit suggeriert und sie auch im tiefsten Fall noch auffängt. Natürlich möchte man einen solchen Retter gerne haben, und Freud hat sich schon dazu geäußert, wieso der Mensch diese kosmische Vaterfigur mitunter brauchen kann und wieso es ganz logisch ist, sie zu konstruieren (wenngleich nicht gesund). Gott ist ein Platzhalter für noch ungelöste Fragen; zieht sich aber immer mehr hinter die Grenze der Fakten zurück, die nach und nach sein Reich verkleinert und es schließlich vernichten muß. Wo Gott vor 2000 Jahren noch ein Blitz war, so ist es heute eine Funkenentladung, also das Licht ausstrahlende Plasma einer kurzzeitigen Gasentladung bei Atmosphärendruck [Und vielleicht ist es genau der Fehler der vermeintlich erkenntnistheoretisch inspirierten Gotteshoffnung, zu glauben, beide Ansichten entsprächen auf eine die verschiedenen Ideen von Wahrheit berücksichtigende Weise der „Realität"]. Gott ist der Schutz vor dem Tod und dem Abschiednehmen, das sonst so ungeheuer schmerzvoll anmutet, daß es fast nicht zu ertragen ist. Und Gott ist ein hervorragendes Machtinstrument, das mit der metaphysischen Unterteilung in „gut“ und „böse“ den Schlüssel zu Belohnung, Strafe und Autorität(shörigkeit) geschaffen hat. Gott ist das Möchtegernspiegelbild des Menschen, seine Projektion in die Perfektion. Und noch so viel mehr. Es ist derart offensichtlich, daß Gott ein menschengemachtes Produkt ist, daß nur der berühmte „leap of faith“, der auf Angst und Schutzbedürfnis (und vermutlich auch irgendwann Selektionsvorteilen) beruht, erklären kann, wieso Menschen dennoch jede Vernunft beiseite legen und glauben, selbst wenn sie sonst vernunftbegabt sind. 




Die Nicht-Existenz Gottes ist nicht belegbar. Aber genauso wenig ist es die Nicht-Existenz einer fliegenden Teekanne um die Sonne – sie ist nur sehr wahrscheinlich. Gemäß der „Ihr findet nur, was ihr sucht“-Theorie müßte ich mich jetzt auf den Weg machen, die Teekanne (und die Omelettebüste, und die Feen, und die Kobolde, und...) zu finden – oder einfach daran glauben. Was ich aber, dank Vernunft und gefordertem Einfachheitsprinzip, nicht tun werde. Und genauso verhält es sich mit Gott. Denn aus welchem Grund ist er nochmal wahrscheinlicher als die Teekanne? 

Genau. 

Aus keinem. 



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