Montag, 28. März 2011

Wie war das doch gleich mit der Säkularisierung?

Säkularisierung wird – im weiteren Sinne – verstanden als der institutionelle und mentale Prozess der Trennung von Kirche und Staat (bzw. religiöse Organisationen und Staat). Diesen Prozess charakterisiert Böckenförde als „Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“.
 bzw.
 Laizismus (auch: Laizität) beschreibt religionsverfassungsrechtliche Modelle, denen das Prinzip strenger Trennung von Religion und Staat zu Grunde liegt.
(Quelle: Wikipedia)

So sieht das aus. Bzw. so sollte das aussehen, in einem westlich-demokratischen Land, oder bin ich da mal wieder zu optimistisch? Vermutlich. Wir halten fest: wir schreiben das Jahr 2011, man befährt Straßen mit Automobilen, kann Feuer mit einem Feuerzug entzünden, erkennt die Frau als beinahe gleichwertiges Wesen an, hat eine demokratische Verfassung, forscht, lernt, denkt... und hat ein Recht auf Religionsfreiheit und verfassungsrechtlich verankerte Trennung von Kirche und Staat. Oder?

Natürlich nicht. Wäre schön, wenn es sowas wie explizite Laizität in der deutschen Verfassung gäbe. Tut es aber nicht. Laizistische Staaten gibt es in der Tat nur wenige - und selbstverständlich gehört Deutschland nicht dazu. Frankreich hat viele schlechte Seiten und politische Angewohnheiten, aber in diesem Punkt darf man die Konsumenten schmackhafter Amphibiengliedmaßen durchaus beneiden.
Bei uns sieht das mit der vermeintlichen Religionsfreiheit nämlich ganz anders aus. Nicht nur, daß mein laut Verfassung garantiertes Recht auf freie Meinungsäußerung da endet, wo ich öffentlich die Hirngespinste anderer Leute anzweifle - auch mein Recht auf Religionsfreiheit (= auch: Freiheit von Religion! Unbedingt!) wird massiv beschnitten: ich spreche vom Kirchenaustritt.

Der Kirchenaustritt in den verzweifelten Augen der Kirche ist ohnehin nur eine halbseidene Angelegenheit. Wenn es nach den frommen Hirten geht, ist die Taufe nicht rückgängig zu machen und das Schäfchen der Herde niemals endgültig zu entreißen. Wer es dennoch versucht (denn lediglich als kläglicher "Versuch" wird es gewertet), handelt sträflich und wird seinerseits von der im Stich gelassenen Glaubensgemeinschaft mit einer Strafe bedacht:
„Der Apostat, Häretiker oder der Schismatiker ziehen sich die Exkommunikation als Tatstrafe zu (...)“ (vlg. Can.1364 CIC)
Die guten Herren sind sich aber nicht zu fein dafür, dennoch vorsorglich die Arbeitsverträge des/der Abtrünnigen mit kirchlichen Trägern (Krankenhäuser/Kindergärten/Hilfsorganisationen/...) aufzulösen, was meiner Meinung nach nicht im geringsten mit der Trennung weltlicher und kirchlicher Domänen einer fortschrittlichen Gesellschaft vereinbar ist. Einer guten Krankenschwester wird gekündigt, weil sie einer Institution, die Menschenrechte beschneidet, Fortschritt verbietet, Verbrecher deckt, mit verheerenden Folgen lebens- und lustfeindlich ist und die Ausbreitung einer tödlichen Krankheit fördert, nicht mehr angehören möchte.
Dennoch darf natürlich getrost und mit einem mitleidigen Lächeln darüber hinweggesehen werden, daß "bei den christlichen Kirchen die Übereinstimmung" besteht, "dass die Taufe nicht rückgängig gemacht werden kann, ein evangelisch oder katholisch getaufter Christ also stets getauft bleibt." (Quelle: Wikipedia)

Auf weltlicher Ebene kann man sich immerhin lossagen von den Fesseln des bigotten Vereins. Das bedeutet: man ist dann nicht mehr gezwungen, dem Klerus seine Abgaben zu leisten bzw. Kirchensteuer zu zahlen. Natürlich ist auch dies ein absolutes Ding der Unmöglichkeit und nicht zu vereinbaren mit dem Bild der angeblichen säkulären BRD - der Staat treibt die Steuern ein für eine Institution, die an ein Wesen mit Evidenzgrad null glaubt, damit Forschung, Leben, Lust und Geist inhibieren bzw. zerrütten will und schon immer alle damit einhergehenden Qualen und Komplikationen in Kauf genommen, ja, unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hat! Unfaßbar.
Also - mit großer Freude raus aus der Kirche! Allerdings muß man in neun der sechzehn deutschen Bundesländer unglaublicherweise eine Gebühr für seine verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit zahlen. Das ist natürlich nicht im geringsten verfassungskonform und ich frage mich, wieso diese widerliche Tradition nicht endlich abgeschafft wird. Es steht vollkommen außer Frage, daß es sich hierbei um eine Abschreckungsgebühr für Austrittswillige handelt, denn wenn die frommen Männer eines gebrauchen können, dann sind es unsere Steuergelder (weil der Papst neue Verkleidungen oder der Ire Geld für seine Kinderschänderprozesse braucht). Es handle sich hier angeblich um eine Bearbeitungsgebühr, was selbstverständlich den Inbegriff einer Farce darstellt, aber die Gebühr auch in Bezug auf die Verfassung rechtfertige - lustig nur, daß sieben Bundesländer dafür, daß ein ohnehin im Amtsgericht sitzender Beamter seinen Stempel auf ein Blatt Papier macht und etwas in einen Rechner eintippt, keinerlei Bearbeitungsgebühr verlangen!

Hier in NRW beträgt die Austrittsgebühr unglaubliche dreißig Euro. Und obwohl sie für Geringverdiener wegfallen kann, entspricht das nicht der Praxis der hiesigen Amtsgerichte. Laut JVKostG §12 gilt folgendes:
"Die Behörde kann ausnahmsweise, wenn dies mit Rücksicht auf die wirtschaftlichen Verhältnisse des Zahlungspflichtigen oder sonst aus Billigkeitsgründen geboten erscheint, die Gebühren unter die Sätze des Gebührenverzeichnisses ermäßigen oder von der Erhebung der Kosten absehen."
Wie leider schon aus dem Gesetzestext herauszulesen ist der Entfall der Gebühren fakultativ und obliegt der Laune des Beamten, dem man gegenübersitzt. Und der hat natürlich keine Lust auf zusätzlichen Verwaltungsaufwand durch zehnsekündiges Betrachten der Kontoauszüge eines Studenten oder Arbeitslosen. Mit anderen Worten: wer aus der Kirche austreten will, zahlt. Er zahlt für sein Recht auf Religionsfreiheit. Das ist nicht vertretbar.

Damit kommen wir zu einem Punkt, der mich auch in anderen Bereichen ärgert - denn obwohl der Grundzustand des Menschen ein atheistischer und Religion stets die Folge von Überlieferung ist (der Gedanke eines hervorragenden Sciencebloggers), ist in den Augen von Kirche, Staat und Gesellschaft aufgrund von Tradition und Ignoranz der Urzustand des Menschen wohl ein religiöser. Es bedarf einer spezifischen Rechtfertigung, um als Schüler den Religionsunterricht zu verlassen (obwohl der eigentlich - wie nichts anderes - der Trennung von Kirche und Staat widerspricht und Minderjährige indoktriniert, also an sich einer Rechtfertigung bedürfte, die er nicht bringen kann!); man muß bei Beerdigungen explizit darauf hinweisen, daß man nicht religiös beigesetzt und mit einem Gottesdienst im Programm dem Erdboden übergeben werden möchte - sonst gehört das zum Standardprocedere; und man wird als unmündiger Mensch getauft und muß dafür zahlen, selbiges später wieder zu revidieren.

Wie kann es sein, daß es ein imaginäres Wesen, das exakt denselben Beweis für seine Existenz vorweisen kann wie rosa Einhörner oder Feen, Werwölfe oder Kobolde, eine demokratische, aufgeklärte Gesellschaft derart geißeln kann und seine "irdischen Vertreter" solchen Unfug treiben, solche Ungerechtkeiten begehen dürfen an deren Mitgliedern?

Wann, liebe Welt, kommst Du endlich an im 21. Jahrhundert?

 (Wäre das nicht mal schön? Ist freilich nur Wunschdenken...)

1 Kommentar:

  1. tja, wenn's einer macht, nennt man es Irrsinn oder Psychose, wenn's 'ne Million Leute machen, nennt man es Religion...

    AntwortenLöschen