Samstag, 14. Mai 2011

Vier kleine Vorschläge

Was könnte man tun, um der immer größeren Resonanz, die „alternative Heilmethoden“ erfahren, entgegenzutreten? Ich möchte hier ausdrücklich erwähnen, daß ich damit nicht die sog. „Alternativmedizin“ meine, die mit empirisch überprüften und belegten Daten aus randomisierten Doppelblindstudien arbeitet – Prof. Edzard Ernst ist hierfür ein hervorragendes Beispiel. Des weiteren muß erwähnt werden, daß es – wie hier und hier angerissen – keineswegs harmlos ist, sich auf Homöopathie, Akupunktur & Co. einzulassen, wie so gerne behauptet wird. Denn wenn sie keine Wirkung haben, haben sie ja auch keine Nebenwirkungen! Das ist zwar korrekt, aber dennoch bergen diese Maßnahmen viele Unnanehmlichkeiten: Therapieverschleppung, horrende Kosten für nichts, ein haarsträubendes Verständnis von der Funktionsweise des menschlichen Körpers, und so weiter. Und der ganze Spaß wird jetzt ja auch noch teilweise von den Krankenkassen übernommen, das heißt: jeder bezahlt mit für den Wahnsinn und die Täuschung, daß die „sanfte ‚Medizin‘“ irgendwie über die Placebowirkung und diejenige von zeitintensiver persönlicher Zuwendung hinausgeht. Natürlich ist es traurig, daß der durchschnittliche Hausarzt noch 10 Minuten für seinen Patienten aufbringen kann und der Naturheilkundler sich ewig Zeit nehmen kann für die Kranken (Akupunktursitzungen fangen bei 20 Minuten an) – aber die Lösung kann nicht sein, Patienten länger, dann aber mit nichts zu therapieren. Da man an diesem Zustand aber nicht so ohne weiteres große Änderungen vornehmen kann, hier meine vier kleinen Vorschläge, um der Ausbreitung der schamanistischen „Globulisierung“ Einhalt zu gebieten.
  •  Homöopathie, Akupunktur & Co. erst ab 18 Jahren!
Wer sich gerne nutzlos therapieren lassen will, kann das „gerne“ tun und mit seiner verschleppten Krankheit und den Spätfolgen die Krankenkassen belasten… oder auch nicht; jedenfalls sollte er sich darauf beschränken, seinem eigenen Körper zu schaden – und nicht dem seines Kindes! Wie hier schon gezeigt, gibt es tatsächlich Eltern, die ernsten Krankheiten ihrer Kinder mit nutzlosen und vermeintlich sanften Therapien begegnen möchten. Das ist nichts anderes als unterlassene Hilfeleistung und kann, durch effektives Nichtstun und Abwarten, die Krankheit des Kindes drastisch verschlimmern. Ich halte es deswegen für wichtig, diese Therapien nur für Erwachsene, die es selbst ausdrücklich wünschen, freizugeben, damit sie nur sich selbst schaden und niemand anderem.
  • Homöopathie, Akupunktur & Co. nur mit ärztlichem Beratungsgespräch
Es ist schlimm genug, daß jeder zweite Arzt mittlerweile völlig unwissenschaftliche Methoden anbietet und unter jedem zweiten Namensschild „Naturheilkunde“ steht, weil die Patienten darauf anspringen und ihrer Vulnerabilität und Notsituation mit teuren Placebos statt mit guter Aufklärung und wissenschaftlich wirksamen Mitteln entgegengetreten wird. Es ist auch schlimm genug, daß studierte und approbierte Ärzte, die wissen, daß solcherlei Dinge nicht wirken können, diese allen Ernstes und eifrig verschreiben. Dann muß man aber nicht auch noch den Patienten weismachen, daß das Chi durch Meridiane fließt und Informationen im Wassergedächtnis potenziert werden, obwohl man sehr genau weiß, daß der menschliche Körper nicht so funktioniert. Ich bin dafür, daß Ärzte, wenn sie schon für Homöopathie, Akupunktur, Bio-Magnetresonanztherapie und dergleichen mehr Geld nehmen, davor ein ausführliches Beratungsgespräch führen müßen, in welchem erklärt wird, daß diese Mittel keinen irgendwie wissenschaftlich erwiesenen Nutzen haben und auch keine physiologisch erklärbare Wirkungsweise. Daß ihre Wirkung auf dem Placeboeffekt beruht, daß hier viel Geld für  absolut nichts ausgegeben wird und daß die Gefahr einer Therapieverschleppung besteht, weil die Krankheit nicht medizinisch wirksam therapiert wird. Ein Beratungsgespräch, das darauf hinweist, daß hier etwas potenziell Gefährliches und Gesundheitsschädliches getan wird.
  • Homöopathie, Akupunktur & Co. im Studium: Know your enemy!
Als ich las, daß dieser Schmu mittlerweile Bestandteil des Medizinstudiums ist (zumindest ein wählbarer), stellte sich mir, nach anfänglicher fassungsloser Starre und zehnminütiger Embryonalstellung, nur eine Frage: wenn dort die Prüfungsfrage gestellt wird, wie Homöopathie funktioniert und ob Wasser ein Informationsgedächtnis hat – wird die Antwort als „richtig“ gewertet, die mit den schamanistischen Überzeugungen übereinstimmt, also „ja“? Das wäre ja skandalös, wenn das an einer Universität, die mit der wissenschaftlichen Methode arbeitet, passierte. „Feenkunde: Nennen Sie die Erscheinungsform, in welcher die Fee Fiona dem König Drosselbart 1576 erschien! – Sie war feinstofflich-nanoisiert!“ müßte demnach auch an einer Universität geprüft und gelehrt werden können. Daß die oben skizzierte und z.B. von Prof. Ernst vertretene Alternativmedizin gelehrt wird, selbst wenn man die Wirkungsweisen nicht versteht, aber die Wirkung wissenschaftlich nachgewiesen ist, wäre hingegen vollkommen in Ordnung. Und wenn man dann den jungen Medizinstudenten, die während ihres ganzen Studiums ohnehin nie wissenschaftlich arbeiten, noch beibringt, daß Homöopathie und Konsorten nichts bringen, warum sie nichts bringen können und daß dieser Sachverhalt wiederum nachgewiesen ist, dann könnte dies die Vulnerabilität der Ärzte für einen solchen Unsinn deutlich senken. Und damit auch die der Patienten. Getreu dem Motto „Know your enemy“ bekäme dann jeder Arzt das entsprechende Werkzeug an die Hand, gefährlichen Scharlatanen wie Heilpraktikern entgegenzutreten, ihre Methoden zu entlarven und seine Patienten vor teuren und nicht ganz harmlosen Mittelchen und Vorgehensweisen zu schützen.
  • Populärwissenschaftliche Näherung und Aufklärung
Daß ein besserer Wissenschaftsjournalismus Not tut, habe ich hier schon kurz angerissen, und hier findet sich ein sehr schöner Artikel aus den Scienceblogs zu dem ganzen Thema. Wüßten die „Otto Normalverbraucher“ ein wenig mehr von der Funktionsweise des menschlichen Körpers, wäre ihre Anfälligkeit für den ganzen Heilpraktiker-Krampf sicherlich sehr viel geringer.
Aber die Entwicklung ist eine ganz andere: immer mehr hilflosen und in gesundheitliche Nöte geratenen Menschen wird suggeriert, diese „sanften Heilverfahren“ wären sinnvoll und linderten ihre körperlichen Gebrechen. Enttäuscht von der wenig persönlichen und zeitarmen „Schulmedizin“ wird sich abgewandt und Hilfe bei verständnisvollen und unendlich geduldigen Alternativos gesucht. Das geht mitunter so weit, daß man Krebs mit Vitaminen heilen und Angsterkrankungen mit dem Abklopfen der Chakren entgegentreten will. Und niemand klärt solche Menschen auf, da sogar studierte Ärzte diesen Mumpitz euphorisch betreiben.
Auch die großen Medien machen Formate wie Hellseherei oder Dokus über Wunderheiler groß – wo bleibt da die Aufklärung? Ab und an flimmert ein guter und kritischer Beitrag über den Fernsehschirm – aber mitten in der Nacht und kaum gehört. Vielleicht sollten die forschenden Pharmaunternehmen Kampagnen lancieren, und auf jeden Fall sollten populärwissenschaftliche Medien wie Zeitschriften oder entsprechende Internetseiten mit gut verständlichen Inhalten zu solchen Themen aufwarten können. Entsprechende kritische Beiträge müßen nachmittags oder am frühen Abend gesendet werden, wenn das Hauptklientel vor dem Fernseher sitzt und sich berieseln läßt, auf Appeasement-Gesten muß verzichtet werden und harte Fakten müßen her, Gefahren aufgezeigt werden.
Kryptische, pseudonaturwissenschaftliche Begriffe (Information, Quanten, das Universum, ...) in den Raum werfen und sie vermeintlich wirksamen Methoden wie den o.g. zugrunde legen – so funktioniert dieser esoterische Wahn und so lassen sich Menschen ohne jedes naturwissenschaftliche Verständnis beeindrucken. Dem kann nur eine bessere naturwissenschaftliche Bildung entgegentreten, und auch daran muß gearbeitet werden. 

Um also diesem neuzeitlichen Übel gehörig einen Riegel vorzuschieben, gibt es noch viel, viel zu tun…

Kommentare:

  1. Zwei kleine Anmerkungen

    Auch wenn ich persönlich mit Vorschlag 2 als Grundvoraussetzung sympatisiere, muss ich doch sehr bitten Akupunktur und TCM von Homöopathie und anderem zu unterscheiden. Man kann ja auch nicht die westliche Schulmedizin komplett über einen Kamm scheren, nech? ;)

    Tatsache ist, daß die asiatische ganzheitliche Lehre vom biologischen System keinesfalls von der Hand zu weisen ist, genausowenig wie aufgrund des Leistungs- und Einschränkungsdrucks die Unzulänglichkeit der schulmedizinischen Ausbildung.

    Kleines Beispiel betreffs des letztgenannten aus meinem eigenen Leben: Ich hatte mal eine sehr rätselhafte Erkrankung an den Schienbeinen, bin von Arzt zu Arzt und Spezialist zu Spezialist. Ich war in den besten Kliniken der ganzen Region, wurde mehrfach komplett untersucht und für "so ganz eigentlich ziemlich gesund" befunden. Und doch gab es offensichtliche Wundheilungsstörungen, Entzündungen und seltsame neubildungen von Verletzungen, die sich keiner erklären konnte.

    Nach über einem Jahr rennereien und Probeentnahmen, Krankenhäusern und Fachärzten für weiß der Henker was, hat sich ein befreundeter Physiotherapeut sich das mal angeschaut, fast per Zufall. Er drückte ein wenig drauf, und schickte mich zum Lymphologen, einem von 2 oder 3 in der ganzen Gegend. Diagnose gestellt, Lymphödem, Behandlung direkt begonnen, sofort angeschlagen, Problem gelöst - Stoffwechsel normalisiert und tattaaa.. es läuft. Also, ich laufe. o_O

    Und warum hat das kein noch so versierter Arzt herausbekommen? Weil es zu Lymphologie 1-3 Vorlesungen gibt, overall und die sind auch noch freiwillig, so daß die völlig überfrachteten Studenten sichs ohnehin schenken, weil sie sonst was noch zu tun haben. Resultat ist offensichtlich.

    Und der gleichen Fälle mehr. Wäre auch nur ein Arzt auf die Idee gekommen, daß es das hätte sein können, hätte man Kosten sparen können ohne Ende und die Quälerei hätte sich nicht so hingezogen.

    Naturwissenschaftliches Verständnis ist schön und gut und doch sinnfrei, wenn man es nicht zu nutzen weiß.

    Fortbildungen, Abbau der Fachidiotie und mehr Zeit für gründliche Diagnosen ohne blindes verlassen auf seinen beschränkten Horizont - das wären mal brauchbare Ansätze.

    Ich finde eine kritische Betrachtungsweise keineswegs verkehrt, aber ich denke wir sollten ungeachtet der Möglichkeiten nicht vergessen, daß es eine Menge Dinge gibt die Funktionieren auch wenn wir nicht genau wissen warum, und das tun sie schon sehr lange. Daß z.B. der Aderlass kein Allheilmittel ist, dürfte mittlerweile bekannt sein, aber ich finde Du wetterst ein wenig zu parteiisch und undifferenziert gegen eine Richtung, die noch nicht einmal eine ist, sondern sich hauptsächlich durch das Nichtschulmedizinsein definiert, was ich argumentativ für ausbaufähig, wenn nicht gar bedenklich halte.

    Denk mal drüber nach, es könnte sich lohnen.

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  2. Hi Arnoc,

    ein paar kleine Anmerkungen:

    Zunächst danke für das Teilen Deiner persönlichen Geschichte. Aber auf argumentativer Ebene ersetzen Anekdoten keine Evidenz.
    Es steht vollkommen außer Frage, daß es auch im schulmedizinischen Wesen Mangelerscheinungen gibt und Mißstände, und das auch die med. Ausbildung in D mit solchen aufwarten kann. Das bedeutet aber nicht, daß Scharlatanerie dadurch wirksamer oder argumentativ relevanter wird.

    Nein, es hat immer ungelöste Fälle gegeben; aber es ist Fortschritt und Forschung geschuldet, daß sie letztlich doch gelöst werden können, auch wenn das dauert(e). Und dadurch rückte man auch ab von Ideen wie ehemaligen "Allheilmitteln".

    Der Unterschied ist, daß Methoden, die heute schulmedizinisch in der Anwendung sind, wissenschaftlich zumindest in ihrer Wirkung belegt sind - was man von Homöopathie, aber auch von Akupunktur nicht behaupten kann. Akupunktur hilft - aber auch, wenn man "Random Pieksen" betreibt, was bedeutet, daß dem zugrunde liegende Ideen wie Chi und Meridiane, die weder anatomische noch physiologische Korrelate haben, einfach nicht stimmen, sondern daß das Ganze auf persönlicher Zuwendung fußt.

    Randomisierte Doppelblindstudien müßen eindeutig und wiederholt nachweisen, daß eine Methode wirksam ist, dann schenke ich ihr Vertrauen, egal ob "Schulmedizin" oder "Nichtschulmedizin". Auch vom Begriff "ganzheitlich" halte ich nichts. In einem wissenschaftlichen Verständnis sind "Seele" als Endprodukt neuroelektrischer Prozesse der "körperlichen" Neuronen und "Leib" vereint, und psychischer Streß kann sich physiologisch in verschiedenen Systemen des Körpers niederschlagen. Somatisierung ist ein großes Stichwort in der heutigen "Schulmedizin".

    Die Argumentation kann ich also nicht gelten lassen. ;) Trotzdem dankeschön für Deinen Beitrag. :)

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  3. Ach ja, und "Akupunktur hilft - aber auch, wenn man "Random Pieksen" betreibt" stimmt so natürlich auch nicht ganz ; da muß stehen: Akupunktur hilft vereinzelt, und lange nicht immer. Aber wenn es das tut, dann auch, wenn man Random Pieksen betreibt.

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  4. Mir gings an der Stelle mit meiner Geschichte auch weniger um die Argumentation gegen das was Du schriebst per se, eher um das Aufzeigen, daß das die Probleme die das Gesundheitssystem hat nicht in erhofftem Umfang lösen wird und das wir mit dem was wir bereits schulmedizinisch haben schon nicht richtig genug umgehen.

    Ich bin ein Verfechter von "wer heilt, hat recht" - WARUM es im einzelnen so ist, überlasse ich den Research & Development Centern der Pharmariesen, Armeen von Ärzten und Biologen und Weltforschern. Das ist für mich als Patient nicht wichtig - solange es hilft und selbst wenn der ganze Sektor aus Placebos bestehen würde - die Selbstheilungskräfte des Körpers sind nicht zu unterschätzen - nix wie her damit.

    In Anbetracht dessen, in welchen Kinderschuhen die "Wissenschaft" steckt, das was es zu wissen gibt im Verhältnis zu dem was "gewusst" wird, halte ich es für bedenklich, sich auf das durch sie heute Festgelegte zu reduzieren. Die ganzen Fortschritte sind nicht umsonst mindestens genauso Querdenkern und Anders-Herangehern geschuldet wie aufmerksamen Beobachtern. Wir haben in den letzten Jahrzehnten Sprünge gemacht, die für vorangehende Generationen nahezu unvorstellbar waren, wer weiß wie weit das noch gehen mag?

    Vor allem die Reduktion der "Seele" bzw. dem vollen Ausmaß eines individuellen Geistes - und ja, ich schließe das Unbewusste mit ein - auf die reine heute bekannte Biologie/Neurologie halte ich für gefährlich irreführend. Abgesehen davon, daß ich das psychologisch betrachtet für eine Begegnung der Angst des Ausgeliefertseins mit Überrationalisierung halte und somit eine 1a Eintrittskarte für allerhand Geistesstörungen, denke ich, kann das was die Wissenschaft bis heute geleistet hat mich nicht überzeugen eine Grenze zwischen Leben und Funktionieren zu ziehen und ist somit für diese Perspektive reichlich nutzlos in meinen Augen. Da sind Psychologische und Philosophische Disziplinen schon näher an dem Ganzen dran.

    Mit der Seele ist es ein Bißchen wie mit der Kunst, man kann es nicht messen, in Zahlen ausdrücken, beweisen oder widerlegen - und das schöne ist, wenn man sich von dem Zwang befreit hat, das unbedingt zu müssen, schätzt man es erst richtig.

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