Montag, 4. Juli 2011

An image burning in their minds

Die guten alten Type 0 Negative haben, wenngleich vermutlich eher unfreiwillig, hervorragend beschrieben, was die Vorstellung eines allmächtigen Gottes mit dem Denkwerk gläubiger Menschen anstellt: sie brennt. Sie ver-brennt Vernunft und das Hinterfragen, sie brennt die Menschlichkeit und das leidkorrelierte Moralempfinden aus den Köpfen, sie schmerzt, sie richtet großen Schaden an – sie geißelt. Und das alles nur wegen eines „image“: eines Bildes. Einer reinen Vorstellung.
Obwohl die Zahl der gläubigen Christen, z.B. in Deutschland, abzunehmen scheint, ist noch lange kein Grund gegeben, Sanftmut der Kirche gegenüber walten zu lassen oder gemäßigtes Verhalten ihr gegenüber zu fordern. Denn nur, weil eine Institution mit bösen Aktionen und Worten weniger Menschen erreicht, werden die Worte und Dinge nicht weniger böse.
Wenn es wenigstens so wäre! Denn die Kirche ist leider nicht allein auf Deutschland beschränkt, und Religion nicht allein auf die christliche Kirche.
Mehr denn je muß, in einem Zeitalter, in dem die Aufklärung endlich so weit fortgeschritten sein könnte, daß der Religion in einigen Teilen der Welt ein Ende zu setzen wäre, gegen sie gekämpft werden. Denn mit dem technischen Fortschritt wird auch die (u.U. katastrophale) Reichweite religiöser Führer und Fanatiker größer.
Und dennoch wimmelt es von Appeasement und Pseudo-Diplomatie. Eines von vielen Beispielen, um das zu beobachten, sind endlose Diskussionen auf den Scienceblogs Deutschland. 

Über Atheismus, Begrifflichkeiten und Appeasement-Gesten

Ein Aufschrei fährt durch die deutsche Wissenschafts-Blogosphäre:
„Ist Antitheisten jedes Mittel recht?“
„Die weniger Radikalen werden dumm angegangen, weil ihre Meinung nicht brutal genug ist!“
Da ist es, das böse Wort: der Antitheist. Eine an sich überflüssige Klassifizierung, wenn man damit den Menschen meint, der Atheist ist und sich gegen die Notwendigkeit der Religion ausspricht. Laut Wikipedia ist es ein Mensch, der von der Abwesenheit Gottes überzeugt ist. In diese Gruppe dürften nicht viele Menschen fallen. Wenn jemand nicht an Gott glaubt, dann meist, weil er keinen Grund hat, an ihn zu glauben. Die Bringschuld an Evidenz, die bei den Gläubigen liegt, ist nicht erfüllt worden, obwohl sie mehrere Jahrtausende Zeit dafür hatten. Nicht sehr überzeugend! Das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen nicht glauben.
Menschen, die sich als „Atheisten“ bezeichnen, sind meist das, was Richard Dawkins als „Stufe 6-Atheisten“ beschreibt. Diese sind zu 99, x Prozent davon überzeugt, daß es keinen Gott gibt, leben und handeln danach. Man kann hierfür getrost das Wort „Atheist“ verwenden, auch wenn es sich, technisch gesehen, um eine Form des Agnostizismus handelt.
Evidenzloses Überzeugtsein, daß es keinen Gott geben kann, zu 100%, entspräche genau dem Dogmatismus, mit dem man bei der gläubigen Gegenseite gut aufgehoben wäre. Die Kategorie Mensch, die nicht glaubt, neigt aber zu genau diesem Dogmatismus meist nicht. Ergo ist die Chance, einen wahrhaft definitionsgemäßen Antitheisten zu finden, sehr klein. Ich bin für eine andere Bezeichnung: ein konsequenter Atheist. Jemand, der jeden „Leap of faith“ vermeidet, seine Überzeugungen mit Evidenz abzusichern gedenkt und die Folgen daraus auch lebt.
Das sähe dann im Idealfall so aus – und ich positioniere mich hier bewußt radikal und provokant - : ich erkenne, daß es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott geben kann. Ich erkenne die Folgen für mein Leben. Ich erkenne die Folgen für das Leben der Menschen in meinem Umfeld und auf der Welt. Ich erkenne, daß diese ihre Tätigkeiten und sogar ihr Denken einem imaginären Wesen unterordnen. Ich erkenne, daß es Obrigkeiten gibt, die das instrumentalisieren. Ich erkenne das daraus resultierende Elend. Ich erkenne, daß in den letzten Jahrtausenden keine Anstrengung zur tatsächlichen Ausrottung dieser Unterwerfung unter Gedankenkontrolle und Lebensfeindlichkeit geführt hat. Ich erkenne die Notwendigkeit, selbst zu handeln und mir zu überlegen, was man tun könnte. Ich empöre mich, ich kläre auf, ich werde laut.

Es ist offensichtlich, daß es an jeder Stelle dieser Abfolge den Punkt gibt, an dem man mit Gleichgültigkeit oder Beschwichtigungsgesten reagieren kann. Beides ist aber inkonsequent.

Handelt es sich beim Appeasement, beim „Gesteht den Leuten ihre Überzeugungen zu, nicht alle Religiösen sind schlecht, ihr seid viel zu brutal, der Atheismus muß durch wissenschaftliche Aufklärung verbreitet werden und nicht durch Wutreden, die sind doch alle garnicht so schlimm!“, um ein Augenverschließen, da deren Öffnen Verantwortung bedeuten würde? Konfliktscheu? Emotionale Gebundenheit an andere, an Vergangenes?
Ich kann es nicht sagen, aber ich lehne es ab.
Es sind nicht alle Gläubigen schlecht, aber Glaube muß Privatsache bleiben. Niemals darf man andere mit derlei Dingen „infizieren“.
Brutal ist nicht die Argumentationsweise, sondern das, was tagtäglich da draußen im Namen der Religion geschieht.
Atheismus wird in sachlichem, aber auch in scharfem Ton vorgetragen und darf keinen Zweifel daran lassen, daß man überzeugt ist von dieser Sache. Ich zum Beispiel bin auch überzeugt, daß Wissenschaft allein niemals den „Umbruch“ schaffen wird; dazu ist der Wille, auch gegen jede Evidenz zu glauben, viel zu groß und das zeigt sich hervorragend in der amerikanischen Kreationismusdebatte.

Sehen wir den Tatsachen doch einmal ins Gesicht: Appeasement hat noch niemandem etwas gebracht außer der Vermeidung von Konflikten. Menschen werden im Namen der Religion weiter gefoltert, unterdrückt und getötet. Wer konsequent sein will, muß das Problem an der Wurzel anpacken. Er muß scharf argumentieren und auch die albernen und ungerechtfertigten Sonderrechte, welche der Religion und Religiösen zukommen, in Frage stellen.


Über die Notwendigkeit, sich zu empören und aufzuklären

60% der Menschen in Deutschland sind Kirchenmitglieder, ein hoher Prozentsatz derer ist gläubig. An sich ist es im Privaten nichts verwerfliches, an einen Gott zu glauben. Ich freue mich für jeden, der daraus Hoffnung schöpfen kann. Aber leider ist es nicht nur die Hoffnung, die aus der Religion erwächst.
Kinder werden missbraucht. In Deutschland. Aus Gründen, welche die Religion mit sich gebracht hat.
Kinder werden verstümmelt. In Deutschland. Aus religiösen Gründen.
Frauen werden unterdrückt. In Deutschland. Aus religiösen Gründen.
Menschen werden getötet. In Deutschland. Aus religiösen Gründen.
Das sind erstmal nur wenig subtilen Dinge, die im Namen aller in Deutschland vorhandenen Religionsgruppen geschehen.
Auf einer anderen Ebene werden Kinder indoktriniert, ihnen wird die Fähigkeit zum Skeptizismus geraubt, sie werden instrumentalisiert. Zahlreiche andere psychologische Effekte spielen auch eine Rolle.
Und das ist nur die Situation im aufgeklärten Deutschland.

Lassen wir unseren Blick über das gesamte Erdenrund schweifen. Hier finden sich so viele Belege für die Aussage, daß Moral, für „normal“ denkende Menschen eine Zusammenfassung von Abwägungen über Glück und Leid, für die Religiösen eben genau das nicht ist: mit Leid und Glück korreliert.
Wenn eine Frau abtreiben muß, weil die Geburt sie das Leben kosten könnte oder das Kind nicht nur ihr Leben ruinieren, sondern auch selbst keine Zukunft haben würde, ist die „Tötung des Ungeborenen“ eine Sünde, ein Mord, für den sie bestraft werden muß. In Deutschland glücklicherweise nicht mehr, aber die Welt besteht nicht nur aus Deutschland. Wo wird hier das Leid der Frau in der Wertung „moralisch richtig oder falsch“ berücksichtigt?
Wenn zwei Menschen in Entwicklungsländern Sex haben, ist es "moralisch richtig", kein Kondom dabei zu benutzen, da dies von kirchlicher Seite vorgeschrieben ist. Wo wird hier das Leid der HIV-Infizierten in der Wertung „moralisch richtig oder falsch“ berücksichtigt?
Das einzige, was berücksichtigt wird und Moral definiert, ist Gottes Wille.
Und Gott existiert nicht.
Diese Menschen leiden und sterben umsonst.

In religionsinduzierten Kriegen wie in Nordirland, dem Gaza-Streifen, im Kosovo, oder den vergangenen großen Kriegen wie dem Dreißigjährigen und den Kreuzzügen müßen immer wieder Unschuldige wegen der Machtbesessenheit böser alter Männer sterben; aber auch wegen der eigenen Indoktrination, ihrer irrationalen Belohnungsüberzeugungen.
In afrikanischen Ländern werden die Genitalien von Frauen auf unvorstellbar schmerzliche Art und Weise von deren eigenen Müttern verstümmelt. So sehr entmenschlicht die Religion uns.
Dort sterben aufgrund des päpstlichen Kondomverbots auch (von Missionaren) miserabel aufgeklärte Menschen an AIDS. Und Generationen von Päpsten hören nicht auf, diese unheilvolle Botschaft mithilfe ihres großen Einflusses zu verbreiten.
Vergewaltigte Frauen werden wegen Untreue gesteinigt, Kindern lernen, im Namen ihres Gottes zu töten, Menschen sprengen sich in die Luft oder bringen sich aufgrund religiöser Schuldgefühle um.
Alles im Namen der Religion. Wie kann man hier noch mit Appeasement-Gesten aufwarten wollen?

Auch hier haben wir wieder „nur“ die augenscheinlich grausame Ebene. Aber es gibt noch viel mehr. Wenn beispielsweise ein Geistlicher sagt, Naturkatastrophen seien Gottes Strafe für unsere Sünden, so ist das eine ungeheure Anmaßung den Opfern und deren Angehörigen gegenüber, ein schmerzlicher Schlag ins Gesicht.
Wenn Gottes Wege als unergründlich dargestellt werden, weil trotz seiner allumfassenden Güte und Macht ein kleines Mädchen missbraucht und getötet wird oder ein Familienvater bei einem Autounfall von einem Betrunkenen angefahren wird und stirbt: Hier mit der Dreistigkeit aufzuwarten, das als „gut“ und „gottgewollt“ hinzustellen, ist geradezu obszön!
All diese Obszönität gipfelt übrigens in Dingen wie der „Speisung der Fünftausend“, die dieses Jahr sogar ins Motto des „Weltgebetstags“ einfloss. In dieser Geschichte ernährt Gott 5000 Mann von zwei Fischen und fünf Broten (s. Matthäus 14:9).
Aha, denkt sich der vernünftig denkende Mensch, wieso ernährt er nicht die tausenden und abertausenden Hungernden auf der Welt ebenso wundersam und läßt sie stattdessen elendig sterben? Männer, Frauen, Kinder? Weil es sein unergründlicher Wille ist?
Wer so etwas bereit ist zu glauben, muß entweder verblendet von Paradiesversprechen sein, oder naiv und irrational, oder so verquer in seinem moralischen Empfinden, muß so bar eines jeden moralischen Kompaßes handeln und denken, daß ich ihm lieber nicht begegnen möchte! Es ist schauderhaft, zu sehen, was die Religion mit unseren Gehirnen anstellen kann.

Ein weiteres Argument, das gerne angeführt wird, ist die Tatsache, daß die Religion ja wohl irgendwie entstanden sei und auch schon Nutzen gebracht habe: moralisch, kulturell, … und überhaupt.
Die Antwort hierauf muß lauten: Nein! Das ist völlig verdreht.
Es gibt viele Theorien zu den Wurzeln der Religion, und neben den psychologischen Effekten und der damit möglichen Instrumentalisierung haben auch evolutive Faktoren dazu beigetragen; mehr dazu hier. Sie ist vielmehr als lästiges Nebenprodukt zu bezeichnen, von welchem man sich endlich, endlich lossagen muß.
Daß die Idee, eine Moral von dem Willen einer imaginären Gottheit anstatt von Leid und Freude abhängig zu machen, absurd, grotesk und mitunter sogar bösartig ist, haben wir schon besprochen.
Bleiben noch die kulturellen Errungenschaften: bildende Kunst und geistliche Musik, gottesfürchtige Schriften: all das wäre ohne Religion nie entstanden. Was für eine anmaßende und in keiner Weise dem künsterlischen Potenzial unserer Spezies entsprechende Spekulation! Wieso hätten solche Dinge nicht auch säkulär erschaffen werden können? Es gibt genug nicht-gläubige Künstler, die das in ihren Werken beweisen, und ausreichend vom Gotteskontext gänzlich abstrahierte Machwerke vergangener Zeiten, die ihre Brillanz aus Genius und Kreativität der Künstler beziehen, und nicht aus deren Kriecherei vor einem Fabelwesen.

Selbst wenn all diese Boni der Religion zuzuschreiben wären, wiegten sie noch lange nicht all das Schreckliche auf, was in ihrem Namen geschieht. Religion muß abgeschafft werden. Es dürfen nicht länger böse Menschen (wobei viele von ihnen es vielleicht gar nicht sind, aber blind gehorchen – was die Sache nicht besser macht) Aktionen, Worte, sogar Gedanken dirigieren lassen. Wie vielen Konflikten, wie vielen Greueltaten würde der Wind aus den Segeln genommen; wie viel Elend und Verzweiflung wären ihrer Grundlage beraubt… ist es das nicht wert, mit aller Macht zu kämpfen?

Wir haben nicht viele „Waffen“, aber unsere Worte haben wir. Und die können wir dosieren: mal scharf, mal sanft, aber es muß immer den Punkt treffen. Es muß etwas gesagt werden. Es muß aufgeklärt und nicht unter den Teppich gekehrt werden.
Auch wenn es unbequem ist: Sapere aude!

Kommentare:

  1. 1. das bild: FAIL. was bitte ist resposibility?! :D da hat "intelligence" schon wieder nix verloren, wenn man keine 5 wörter fehlerfrei rausbekommt (jaja, is net von madame, schon gut) ..
    2. "gut" und "böse" bitte nicht verwenden, das machen "die" schon genug .. klar, ist im sprachgebrauch verankert, aber du weißt schon ..
    3. moral und ethik nicht verwechseln. du meinst ethik, wenn du moral sagst, denn moral ist die befolgung von tradierten verhaltenskodizes, wohingegen ethik (eher) eine selbstgewählte verhaltensweise ist, die kognitive dissonanzen zu vermeiden sucht, wobei natürlich die wirrsten leute sich ethiker nennen. ethik sollte logisch konsistent sein, im gegenzug zur moral, die einfach nur befolgt werden will und kulturell andersartig ist ..

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  2. aja und das wichtigste: *DAUMENHOCH*

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  3. schöner und wahrer Text.

    Differenzierung des Vorkommentators zwischen Ethik und Moral ist unzutreffend. Die Ethik "( ist eines der großen Teilgebiete der Philosophie und befasst sich mit Moral, insbesondere hinsichtlich ihrer Begründbarkeit."
    Eine Verwechselung der beiden ist nicht sehr tragisch, da kaum sinnentstellend.

    Im Übrigen: Die (Natur)Wissenschaft kann sehr wohl moralische Werte definieren! Sam Harris (Philosoph und Neurowissenschaftler) belegt das sehr elegant in "The Moral Landscape" und enttarnt das emsige Bestreben, genau dies in Abrede zu stellen, als Winkelzug der Moral-Monopolisten: den Religiösen. Denn auf der Hand liegt: in ihrem eigenen, abgeschlossenen System (das sich als unabhängig von äußerer Logik, Evidenz, Kontingenz und Akzeptanz auffasst) kann eine Religion tatsächlich widerspruchsfrei eine absolute und unveränderliche Moral behaupten: solange man "deus vult" proklamieren kann, lassen sich auch die abscheulichsten und abartigsten Taten rechtfertigen.
    Lehnt man diese Religion ab, krakeelen ihre Anführer, daß es ohne sie überhaupt keine Moral geben könne (hört man als Atheist ständig). Rückgratlose "Liberale" gefallen sich derweil im moralischen Relativismus, geboren aus einer völlig hirnrissigen, felsch-demütigen Wiedergutmachungsneigung, und gestatten der Moral lokal oder kulturell begrenzte Bezugssysteme, was ihnen erlaubt, auch das schlimmste Elend, das Menschen andernorts angetan und dort für "moralisch einwandfrei" befunden wird (z.B, weibliche Beschneidung), zu billigen mit dem Argument: "Andere Länder, andere Sitten".
    Mich hat Harris überzeugt: es kann eine wissenschaftlich begründete Moral geben, die immer als Ziel hat, menschliches Wohlergehen, Glück und Zufriedenheit, die selbstverständlich ein neurologisches Korrelat haben, zu erhöhen.

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